Zwischen den USA und Kanada ist ein Handelskonflikt entbrannt, der binnen weniger Tage von einer diplomatischen Verstimmung zu einer handfesten wirtschaftlichen Auseinandersetzung eskaliert ist. Nachdem die Verhandlungen zwischen Washington und Ottawa Ende August gescheitert waren, traten in der Nacht zum 24. August neue US-Zölle von 50 Prozent auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar in Kraft. Betroffen sind unter anderem Holzprodukte und Hockeyschläger.
US-Präsident Donald Trump hatte die Eskalation zuvor weiter angeheizt: Ab dem 1. Januar 2027 sollen die Importabgaben auf Autos, große und kleine Lastwagen, Autoteile sowie Stahl auf 50 Prozent steigen. Bereits jetzt verlangen die USA auf Grundlage von Section 232 des Trade Expansion Act aus dem Jahr 1962 Zölle von 25 Prozent auf importierte Fahrzeuge und Teile sowie Abgaben von 10 bis 50 Prozent auf Stahl, Aluminium und Kupfer. Donal Trump begründet sein Vorgehen damit, Kanada „beute die Vereinigten Staaten seit Jahren aus“, und betont, sein Land sei auf den Handel mit dem nördlichen Nachbarn nicht angewiesen.
Diese Darstellung steht allerdings im Widerspruch zu den Handelszahlen: Laut US-Statistikbüro importierten die Vereinigten Staaten von Januar bis Juni Waren im Wert von etwa 200 Milliarden US-Dollar aus Kanada und exportierten Güter im Wert von rund 175 Milliarden US-Dollar dorthin. Damit ist Kanada nach Mexiko der zweitgrößte Handelspartner der USA. Besonders eng verflochten ist die Automobilindustrie: 85 Prozent aller aus Kanada exportierten Fahrzeuge gingen 2024 in die Vereinigten Staaten.
Kanada antwortet mit gleicher Münze
Ottawa hat inzwischen mit Vergeltungsmaßnahmen reagiert. Finanzminister François-Philippe Champagne kündigte an, ab dem 8. September Gegenzölle von 15, 25 oder 50 Prozent auf US-Importe im Wert von 27,6 Milliarden US-Dollar zu erheben. Damit werden auf US-amerikanische Produkte in exakt gleicher Höhe Zölle erhoben wie von den USA auf kanadische Waren. „Für jedes Produkt wird unser Zoll dem amerikanischen Zoll auf die gleiche Art kanadischer Waren entsprechen“, erklärte Finanzminister Champagne. Premierminister Mark Carney, der im vergangenen Jahr mit dem Versprechen gewählt wurde, Kanada im Kräftemessen mit Trumps Amerika zu behaupten, sieht sein Vorhaben einer raschen Einigung damit vorerst gescheitert.
Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits spürbar. Wirtschaftsverbände auf beiden Seiten warnen vor steigenden Kosten für Unternehmen und Verbraucher sowie vor gestörten Lieferketten. Auch der Tourismus leidet: Zwischen Februar und März 2025 brachen die Einreisen von Kanada nach Florida um 60 Prozent ein und viele Kanadier bereisen inzwischen lieber Europa und Asien als den südlichen Nachbarn.
Der Konflikt fällt zudem in eine Phase, in der das nordamerikanische Freihandelsabkommen USMCA turnusgemäß überprüft wird. Bis zum 1. Juli 2026 mussten sich die drei Mitgliedstaaten USA, Kanada und Mexiko dazu äußern, ob sie das Abkommen um weitere 16 Jahre verlängern wollen. Washington drängt dabei auf Zugeständnisse bei den Ursprungsregeln für die Automobilindustrie und beim Zugang zum kanadischen Milchmarkt. Analysten der Handelskreditversicherung Coface halten einen vollständigen Bruch des Abkommens zwar für unwahrscheinlich, rechnen aber mit anhaltenden Phasen der Eskalation und Entspannung bis zu einer Einigung, die möglicherweise erst im Jahr 2027 erfolgen könnte.
Für Kanada wächst unterdessen der Druck, sich wirtschaftlich breiter aufzustellen, etwa durch eine vollständige Ausschöpfung des Freihandelsabkommens CETA mit der Europäischen Union. Das Potential einer solchen Neuausrichtung gilt als beträchtlich, dürfte aber die enge wirtschaftliche Verflechtung mit den USA auf absehbare Zeit noch nicht ersetzen können. Bis eine tragfähige Lösung gefunden ist, bleibt der Handelskrieg zwischen den einst engsten Verbündeten ein Konflikt, in dem es nach heutigem Stand keine Gewinner gibt, sondern nur unterschiedlich hohe Verluste.