Der Tod des Cambridge-Professors Jason Arday hat in Großbritannien eine Debatte ausgelöst, die inzwischen weit über seine Person hinausreicht. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie weit Medien bei der Berichterstattung über einzelne Menschen gehen dürfen – und ob der Staat dafür künftig verbindliche Grenzen setzen sollte.
Arday hatte eine außergewöhnliche akademische Karriere gemacht. Mit 37 Jahren wurde er Professor an der Universität Cambridge und galt als prominenter Vertreter der britischen Diversitätsforschung. Dann geriet seine wissenschaftliche Arbeit ins Zwielicht. Medien berichteten über den Verdacht umfangreicher Plagiate in seiner Dissertation. Zugleich wurden Zweifel an weiteren Angaben seiner Biografie und seinen Leistungen laut. Die Universität Cambridge leitete eine Untersuchung ein, Arday legte seine Position nieder. Die Vorwürfe waren zu diesem Zeitpunkt nicht abschließend geklärt. Mitte August wurde er tot in einer Londoner Wohnung gefunden. Medien gehen von einem Suizid aus; eine amtliche Feststellung der Todesursache stand zum Zeitpunkt der vorliegenden Darstellung noch aus.
Nach seinem Tod verlagerte sich die Auseinandersetzung zunehmend von den ursprünglichen Vorwürfen auf die Rolle der Presse. Fünf Netzwerke innerhalb von Amnesty International UK werfen den Medien vor, Arday einer rassistisch geprägten und unverhältnismäßigen Kampagne ausgesetzt zu haben. Sie verlangen gesetzlich durchsetzbare Schutzmechanismen unter anderem gegen digitale Belästigung, Doxxing, Diskriminierung und eine aus ihrer Sicht übermäßige mediale Aufmerksamkeit.
Besonders weit geht eine damit verbundene Forderung: Demnach soll gesetzlich begrenzt werden können, wie viele Beiträge innerhalb eines bestimmten Zeitraums über eine einzelne Person veröffentlicht werden dürfen. Damit würde die Auseinandersetzung eine neue Dimension erreichen. Es ginge nicht mehr allein um bereits bekannte Grenzen journalistischer Arbeit, sondern um eine quantitative Beschränkung der Berichterstattung selbst.
Genau daran entzündet sich nun heftiger Widerstand. Kritiker sehen die Pressefreiheit bedroht und stellen eine naheliegende praktische Frage: Wer entscheidet, wann über eine Person genug berichtet worden ist? Eine solche Regel müsste nicht nur festlegen, was überhaupt als eigenständiger Beitrag zählt. Sie müsste letztlich auch bestimmen, welche Redaktion noch veröffentlichen darf, wenn andere Medien die zulässige Zahl bereits ausgeschöpft haben. Die vorliegende Darstellung verweist zugleich auf eine Kampagne des Good Law Project, die eine öffentliche Untersuchung der Rolle der Medien verlangt und nach den dort wiedergegebenen Angaben bereits von mehr als 100.000 Menschen unterstützt wird.
Der Konflikt betrifft inzwischen auch Wissenschaftler, die an der Aufarbeitung der Vorwürfe beteiligt waren. Der US-Forscher Nathan Cofnas, der bei der Offenlegung der Plagiatsvorwürfe eine Rolle gespielt hatte, wurde den vorliegenden Angaben zufolge von der Universität Gent suspendiert. Gegen ihn läuft demnach eine vorläufige Disziplinaruntersuchung wegen möglicher Diskriminierung.