Die Diskussion über ausufernde Staatsschulden richtet sich häufig auf die USA. Doch auch innerhalb der Eurozone wächst ein Risiko, das sich mit der üblichen Schuldenquote nur teilweise erfassen lässt. Denn neben den bereits aufgenommenen Krediten existieren langfristige staatliche Verpflichtungen, die in den bekannten Maastricht-Zahlen nicht vollständig erscheinen.
Besonders schwer wiegen dabei die Versprechen gegenüber einer alternden Bevölkerung. Nach den zugrunde liegenden Schätzungen der EU-Kommission entsprechen die netto aufgelaufenen Pensionsverpflichtungen der Euro-Staaten rund 150 Prozent der Wirtschaftsleistung. Auf Bruttobasis werden sogar etwa 371 Prozent des BIP genannt. Künftige Gesundheits- und Pflegekosten sind darin noch nicht enthalten. Damit stellt sich eine unangenehme Frage: Wie aussagekräftig ist die klassische Staatsschuldenquote überhaupt noch, wenn ein erheblicher Teil künftiger Belastungen darin nicht auftaucht?
Die Schulden von morgen stehen nicht vollständig in der Bilanz von heute
Die Maastricht-Schuldenquote konzentriert sich auf bestimmte bereits bestehende Verbindlichkeiten des Staates. Erfasst werden Kredite, Einlagen und Schuldtitel zum Nennwert. Langfristige Zusagen, denen noch keine entsprechenden ausgegebenen Schuldtitel gegenüberstehen, bleiben dagegen außerhalb dieser Kennzahl. Nach den vorliegenden Berechnungen erreichen solche Verpflichtungen in wichtigen Ländern der Eurozone Größenordnungen von mehr als 300 Prozent des jeweiligen BIP. Das bedeutet nicht, dass diese Summen morgen auf einmal bezahlt werden müssen. Die Belastungen verteilen sich über lange Zeiträume. Trotzdem müssen künftige Regierungen sie finanzieren – über Beiträge, Steuern, Einsparungen, zusätzliche Schulden oder Veränderungen bestehender Leistungsversprechen. Und genau darin liegt das langfristige Problem: Eine hohe gegenwärtige Verschuldung trifft auf erhebliche zukünftige Verpflichtungen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient inzwischen Frankreich. Die französische Staatsverschuldung wird für 2026 auf rund 118 Prozent des BIP geschätzt. Bis 2030 könnte die Quote in Richtung 130 Prozent steigen. Noch bemerkenswerter ist die Entwicklung am Kapitalmarkt: Französische Staatsanleihen rentieren den vorliegenden Angaben zufolge inzwischen höher als italienische. Das ist mehr als eine statistische Besonderheit. Steigende Renditen bedeuten, dass sich ein Staat bei neuen Anleihen beziehungsweise Refinanzierungen zu höheren Zinsen Geld beschaffen muss. Je größer der Schuldenberg, desto stärker können höhere Finanzierungskosten wiederum auf den Haushalt durchschlagen.
Es entsteht ein schwieriger Kreislauf: Hohe Schulden verursachen steigende Zinsausgaben. Diese schränken den politischen Spielraum ein. Werden Defizite dennoch nicht reduziert, steigt der Finanzierungsbedarf weiter.
Die Nervosität beschränkt sich nicht auf Frankreich. Auch die Renditen deutscher Bundesanleihen sind gestiegen. Für zehnjährige Bundesanleihen wird ein Wert von 3,26 Prozent genannt. Der Blick über Europa hinaus zeigt ein ähnliches Bild. Für Großbritannien werden 5,1 Prozent angegeben, für Japan knapp 2,89 Prozent. In den USA erreichte die Rendite 30-jähriger Staatsanleihen Ende August 5,27 Prozent und lag zeitweise so hoch wie seit 2007 nicht mehr. Das ist deshalb interessant, weil sichere Staatsanleihen in Phasen großer Unsicherheit normalerweise besonders gefragt sein können. Eine hohe Nachfrage treibt deren Kurse nach oben und die Renditen nach unten. Steigen die Renditen dagegen gleichzeitig in mehreren großen Industriestaaten, lässt sich das als Hinweis darauf verstehen, dass Investoren Staatsverschuldung und langfristige Finanzierungsrisiken kritischer bewerten.
Deutschland steht ebenfalls vor höheren Zinslasten
Auch Deutschland kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen. Zusätzliche schuldenfinanzierte Ausgaben müssen nicht nur aufgenommen, sondern über Jahre bedient werden. Dabei wird häufig unterschätzt, welche Wirkung schon wenige Prozentpunkte Zins auf große Schuldenbeträge entfalten können. Je höher das allgemeine Zinsniveau liegt, desto teurer wird die Refinanzierung auslaufender Anleihen. Neue Schulden schaffen zunächst finanziellen Handlungsspielraum. Später entstehen daraus jedoch dauerhafte Zinsverpflichtungen. Bei stark wachsenden Kreditvolumina kann deshalb ein zunehmender Teil zukünftiger Haushalte allein durch den Schuldendienst gebunden werden.
Die Eurozone unterscheidet sich dabei grundlegend von einem klassischen Nationalstaat mit eigener Währung. Die Mitgliedstaaten nehmen ihre Schulden in Euro auf, kontrollieren die gemeinsame Währung aber nicht jeweils selbst. Darin liegt nach der dargestellten Analyse ein besonderes Risiko: Gerät ein einzelnes Land unter erheblichen Finanzierungsdruck, kann aus einem Liquiditätsproblem eine grundsätzlichere Frage nach seiner Zahlungsfähigkeit entstehen. Als historisches Beispiel wird die Eurokrise von 2011 angeführt. Hinzu kommt die enge Verbindung der Mitgliedstaaten untereinander. Probleme eines großen Landes bleiben deshalb nicht zwangsläufig auf dessen Staatsfinanzen beschränkt. Sie können Banken, Anleihemärkte, andere Mitgliedstaaten und letztlich die Stabilität der gemeinsamen Währung betreffen.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie hoch sind die Schulden?
Europas eigentliches Problem könnte deshalb weniger in der heute sichtbaren Schuldenzahl liegen als in der Kombination mehrerer Entwicklungen: hohe bestehende Staatsschulden, steigende Finanzierungskosten und langfristige Verpflichtungen für Pensionen sowie perspektivisch Gesundheit und Pflege. Solange die Wirtschaft kräftig wächst und Staaten sich günstig refinanzieren können, lassen sich hohe Verpflichtungen leichter tragen. Schwieriger wird es, wenn Wachstum schwach bleibt und gleichzeitig die Zinskosten steigen. Dann könnte sich zeigen, dass die bekannten Schuldenquoten nur einen Teil der finanziellen Realität abbilden. Die entscheidende Größe für die Stabilität der Eurozone ist deshalb nicht allein der Schuldenstand von heute. Es ist die Fähigkeit der europäischen Volkswirtschaften, die finanziellen Versprechen von morgen dauerhaft zu tragen.