Die gefährlichste Kritik für einen Parteichef kommt selten vom politischen Gegner. Sie kommt von jenen, die jahrelang für ihn gestritten haben. Genau dort wächst für Friedrich Merz inzwischen das Problem. Ausgerechnet in Baden-Württemberg, wo er innerhalb der CDU lange besonders starken Rückhalt besaß, wird die Enttäuschung inzwischen offen ausgesprochen.
Dabei geht es um mehr als schlechte Umfragewerte. Hinter der Kritik steht eine grundsätzlichere Frage: Was ist eigentlich aus dem politischen Gegenentwurf geworden, den viele CDU-Mitglieder mit Merz verbunden hatten?
Aus der Hoffnung wird Ernüchterung
Wolfgang Reinhart gehört zu denen, die Merz lange unterstützt haben. Der frühere Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg beschreibt seine heutige Haltung drastisch: Er sei „gnadenlos enttäuscht“. Weder programmatisch noch hinsichtlich seines Auftretens und seiner Persönlichkeit habe Merz die Erwartungen erfüllt. Die Fallhöhe ist beträchtlich. Reinhart erinnert daran, dass man für Merz gleich mehrfach mit enormem Einsatz gekämpft habe. Doch genau diese langjährige Unterstützung macht die heutige Kritik politisch brisant. Es rebellieren nicht diejenigen, die Merz ohnehin nie wollten. Es zweifeln Menschen, die ihn an die Spitze bringen wollten.
Ein langjähriger CDU-Vertreter aus dem Südwesten beschreibt den Stimmungsumschwung noch drastischer. Vor einigen Jahren hätten dort ungefähr drei Viertel der Mitglieder hinter Merz gestanden. Inzwischen habe sich dieses Verhältnis nahezu umgekehrt. Aus der Jungen Union kommt dazu eine bemerkenswerte Diagnose: Vielleicht sei Merz über Jahre weniger ein klar umrissener politischer Hoffnungsträger gewesen als vielmehr eine Projektionsfläche für sehr unterschiedliche Erwartungen.
Der Vertrauensverlust lässt sich an einem konkreten politischen Wendepunkt festmachen. Nach der Bundestagswahl im Februar 2025 verständigte sich Merz mit der SPD auf ein umfangreiches Schuldenpaket. Hinzu kam eine Änderung des Grundgesetzes, die noch vom bisherigen Bundestag beschlossen wurde. Gerade für Wähler, die aus dem Wahlkampf andere Erwartungen mitgenommen hatten, wurde dieser Vorgang zum Symbol einer größeren Entfremdung: Entscheidend war nicht allein die einzelne Sachentscheidung, sondern die Frage nach der Verbindlichkeit zuvor vermittelter Positionen. Damit verschob sich auch die Wahrnehmung von Merz. Der Mann, der jahrelang als Korrektiv zur Ära Merkel galt, wird nun von Teilen seines früheren Unterstützerlagers gerade daran gemessen, wie wenig von diesem versprochenen Kurswechsel noch zu erkennen sei. Die Kritik trifft damit den Kern seiner politischen Marke.
Zur programmatischen Enttäuschung kamen zuletzt erhebliche Irritationen bei der personellen Aufstellung. Nach dem Rücktritt von Jens Spahn als Fraktionsvorsitzendem setzte eine Reihe von Umbesetzungen ein. Carsten Linnemann wechselte ins Gesundheitsministerium, obwohl dies offenbar nicht seinem eigenen Wunsch entsprach. Verkehrsminister Patrick Schnieder musste gehen. Der als Nachfolger vorgesehene Fritz Güntzler zog sich anschließend zurück, weil er sich selbst für die Aufgabe nicht geeignet hielt.
Reinhart spricht in diesem Zusammenhang von einer „Zwangsrochade“ und einem „Witz“. Wie tief das Misstrauen inzwischen reicht, zeigte auch die CDU-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz: Sie sagte ein Treffen mit dem Kanzler ab und begründete dies mit fehlendem Vertrauen und mangelnder gegenseitiger Wertschätzung. Damit entsteht ein für einen Regierungschef unangenehmes Gesamtbild. Einzelne Personalprobleme lassen sich verkraften. Problematisch wird es, wenn sie sich mit programmatischer Enttäuschung und beschädigtem Vertrauen verbinden. Besonders empfindlich wird die Lage dort, wo politische Versprechen unmittelbar auf den Geldbeutel der Bürger treffen.
Die Koalition war mit dem Anspruch angetreten, die Mittelschicht zu entlasten. Nun steht jedoch zur Debatte, den Ausgleich der kalten Progression auszusetzen. Gleichzeitig steigen Sozialabgaben. Auch innerhalb der Union gibt es deshalb Kritik. Melanie Bernstein bezeichnet die bisherige Bilanz als schwach, während Yannick Bury vor einer steigenden Steuerbelastung warnt. Politisch ist das für Merz besonders heikel. Eine CDU-geführte Regierung kann vieles erklären. Schwieriger wird es, wenn ausgerechnet bei Steuern und Abgaben der Eindruck entsteht, dass zwischen Wahlversprechen und Regierungspraxis eine immer größere Lücke klafft.
Innerparteiliche Unzufriedenheit wäre für sich genommen noch beherrschbar. Doch inzwischen trifft sie auf einen dramatischen Verlust an Zustimmung außerhalb der Partei. In einer Mitte August 2026 erhobenen YouGov-Umfrage kommt die Union nur noch auf 20 Prozent. Die AfD erreicht demnach 28 Prozent. Für die Partei des amtierenden Kanzlers bedeutet das einen Rückstand von acht Punkten.
Damit bekommt die Kritik aus den eigenen Reihen ein anderes Gewicht. Solange ein Kanzler Wahlen gewinnt, lassen sich enttäuschte Parteifreunde leichter einhegen. Wenn jedoch gleichzeitig die Zustimmung der Bevölkerung einbricht, verändert sich die Machtarithmetik. Und genau darin liegt inzwischen das eigentliche Problem von Friedrich Merz. Er hatte einen erheblichen Teil seiner innerparteilichen Autorität daraus bezogen, dass viele Mitglieder mit ihm einen politischen Richtungswechsel verbanden. Nun zweifeln gerade frühere Unterstützer daran, dass dieser Wechsel überhaupt stattgefunden hat. Aus einem enttäuschten Erwartungsmanagement wird damit eine Frage nach der politischen Identität der CDU. Für Merz ist das womöglich gefährlicher als jeder Angriff der Opposition: Nicht seine Gegner fragen inzwischen, wofür er steht. Seine eigenen Leute tun es.