Korruptionsaffäre in Kiew: Generalstaatsanwalt tritt zurück

In der Ukraine sorgt ein neuer Korruptionsfall für Unruhe auf höchster staatlicher Ebene. Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko hat nach schweren Vorwürfen seinen Rücktritt erklärt. Hintergrund sind Ermittlungen gegen ein mutmaßliches Netzwerk, das betrügerische Callcenter geschützt und große Geldsummen gewaschen haben soll. Krawtschenko weist die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen zurück. Er erklärte, die Vorwürfe seien nicht belegt. Seinen Rückzug begründete er damit, verhindern zu wollen, dass das Amt des Generalstaatsanwalts zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werde.

Ermittler durchsuchen Räume der Generalstaatsanwaltschaft

Ausgangspunkt der Affäre sind Untersuchungen der ukrainischen Antikorruptionsbehörde NABU und einer Spezialstaatsanwaltschaft. Nach Angaben der Ermittler wurde ein Geldwäschenetzwerk aufgedeckt, das von einem Verantwortlichen innerhalb der Generalstaatsanwaltschaft gesteuert worden sein soll.

Im Zuge der Ermittlungen wurden Räume der Behörde durchsucht. Die Antikorruptionsbehörde veröffentlichte dabei auch ein Foto eines Safes, in dem sich zahlreiche US-Dollar-Bündel befanden. Insgesamt sollen fünf Mitglieder des mutmaßlichen Netzwerks identifiziert worden sein. Namen wurden zunächst nicht öffentlich genannt. Den Ermittlungen zufolge bestand das Geschäftsmodell darin, betrügerische Callcenter gegen Bezahlung zu schützen. Darüber hinaus sollen Vermögenswerte in Millionenhöhe gewaschen worden sein. Die mutmaßlichen Bestechungsgelder seien unter anderem zum Erwerb von Immobilien, Schmuck und weiteren Wertgegenständen verwendet worden.

Welche wirtschaftlichen Dimensionen betrügerische Callcenter in der Ukraine inzwischen erreicht haben, zeigen Schätzungen der Schweizer Organisation Global Initiative Against Transnational Organized Crime. Demnach könnten in diesem illegalen Wirtschaftszweig fast 60.000 Menschen beschäftigt sein. Die monatlichen Einnahmen solcher Callcenter werden auf bis zu eine Milliarde US-Dollar geschätzt. Damit handelt es sich nicht lediglich um vereinzelte Betrugsfälle, sondern um ein Geschäft mit erheblichen finanziellen Dimensionen.

Der aktuelle Fall trifft die Ukraine in einer politisch schwierigen Situation. In den vergangenen Jahren wurden wiederholt Korruptionsfälle bekannt, die teilweise auch Personen aus dem Umfeld von Präsident Wolodymyr Selenskyj betrafen. Die Bekämpfung von Korruption besitzt dabei nicht nur innenpolitische Bedeutung. Sie spielt auch für die angestrebte Annäherung der Ukraine an die Europäische Union eine zentrale Rolle. Anhaltende Korruptionsprobleme gelten als eines der wesentlichen Hindernisse auf dem Weg zu einer möglichen EU-Mitgliedschaft. Mit dem Rücktritt des Generalstaatsanwalts erreicht die jüngste Affäre nun eine der wichtigsten Institutionen des ukrainischen Justizsystems.

Quelle: ORF – „Korruptionsvorwurf: Ukrainischer Generalstaatsanwalt geht“, 8. September 2026.