Brüssel im Ausnahmezustand: Staatsanwalt warnt vor eskalierender Bandengewalt

Nach einer erneuten Serie von Schusswaffenangriffen hat der Brüsseler Staatsanwalt Julien Moinil im August mit deutlichen Worten Alarm geschlagen. Seit dem Jahr 2025 zählen die belgischen Behörden in der Hauptstadt rund 170 Schießereien, allein 69 davon seit Jahresbeginn 2026. „Ich bin ein besorgter Staatsanwalt“, erklärte Moinil vor Journalisten und fügte hinzu, im Grunde könne jeder eine Kugel abbekommen.

Nach Einschätzung der Justiz steht der überwiegende Teil der registrierten Schusswaffenvorfälle im Zusammenhang mit dem Drogenhandel. Im vergangenen Jahr kamen dabei zwei Menschen ums Leben. Zu den schwerwiegendsten jüngsten Vorfällen zählt ein Angriff auf eine Polizeiwache: Zwei maskierte Täter eröffneten dort mit einer Kalaschnikow das Feuer auf das Gebäude. Für den Staatsanwalt ist klar, dass hinter derartigen Attacken in erster Linie Konflikte zwischen rivalisierenden kriminellen Gruppen stehen. Er spricht von einer Dynamik gegenseitiger Vergeltungsschläge, die so lange anhalten dürfte, wie die verantwortlichen Hintermänner der Netzwerke unbehelligt bleiben.

Besonders brisant ist, dass ein Teil der Anführer krimineller Organisationen seine Geschäfte trotz Inhaftierung ungestört fortführen soll. Moinil zufolge geben mehrere Bandenchefs weiterhin Anweisungen für Schusswaffenangriffe direkt aus ihrer Gefängniszelle heraus. Als Gegenmaßnahme fordert der Staatsanwalt wie schon in der Vergangenheit die Installation von Mobilfunkstörsendern in den betroffenen Haftanstalten, um diesen Kommunikationskanal zu unterbinden.

Zusätzlich beklagt er einen eklatanten Personalmangel bei der zuständigen Kriminalpolizei. Derzeit fehlten dort mehr als achtzig Ermittler, ohne die sich die Strukturen der Netzwerke kaum dauerhaft zerschlagen lassen. Doch die Politik ist nicht bereit, zu handeln. Zusätzliche Mittel habe er trotz wiederholter Forderungen bislang nicht erhalten, erklärt Julien Moinil enttäuscht.

Minderjährige als Rekrutierungsziel für neue Gewalt

Sorge bereitet den Ermittlungsbehörden zudem ein wachsendes Rekrutierungsmuster: Die Staatsanwaltschaft beobachtet, wie zunehmend Jugendliche aus Nordfrankreich und dem Raum Marseille für Aufgaben rund um den Drogenhandel angeworben werden. Viele von ihnen sind minderjährig. Zwar sei dieses Phänomen den Behörden schon zuvor grundsätzlich bekannt gewesen, habe aber inzwischen ein deutlich beunruhigenderes Ausmaß erreicht, berichtet der Staatsanwalt.

Er habe sich mit Kollegen aus Marseille und Lille bereits ausgetauscht, um das grenzüberschreitende Problem gemeinsam einzuordnen. Aus seiner Sicht nutzen die kriminellen Netzwerke gezielt die Verletzlichkeit junger Menschen aus, um ihre Reihen fortlaufend aufzufüllen.

Kritisch äußerte sich Julien Moinil auch zum Umgang mit Personen ohne gültigen Aufenthaltsstatus, die in den Drogenhandel verwickelt seien. Konkret verwies er auf einen Fall von rund zwanzig ausländischen Staatsangehörigen, die im Zuge von Ermittlungen festgenommen, anschließend aber von der Ausländerbehörde wieder freigelassen worden seien und weiterhin im Land blieben. In einem funktionierenden System müsse eine Person ohne Aufenthaltstitel, die mit Kokain handle, abgeschoben werden, betonte der Staatsanwalt. Sowohl diese Gruppe als auch die angeworbenen minderjährigen Franzosen lieferten den kriminellen Organisationen nach seiner Einschätzung ein nahezu unerschöpfliches und recht leicht ersetzbares Arbeitskräftereservoir.

Erfolge trotz angespannter Lage

Trotz der angespannten Situation verweist die Brüsseler Justiz auch auf ihre eigenen Erfolge im Kampf gegen die Netzwerke: Seit 2025 wurden nach Angaben des Staatsanwalts rund 350 Bars und Restaurants wegen mutmaßlicher Verbindungen zum Drogenhandel geschlossen. Außerdem wurden etwa 3.500 Luxusfahrzeuge beschlagnahmt.

Für Julien Moinil ändert das jedoch nichts an der grundsätzlichen Einschätzung: Mehr als ein Jahr nach seinen ersten öffentlichen Warnungen reichten die vorhandenen Ressourcen aus seiner Sicht weiterhin nicht aus, um der anhaltenden Gewalt im Zusammenhang mit dem organisierten Drogenhandel in der belgischen Hauptstadt wirksam zu begegnen.