Ein Angriff auf die Stromversorgung, ein lahmgelegtes Krankenhaus oder ein Ausfall des elektronischen Zahlungsverkehrs: Großbritannien beschäftigt sich zunehmend mit Bedrohungen, die das öffentliche Leben innerhalb weniger Stunden erheblich beeinträchtigen könnten. Die Regierung ruft die Bevölkerung deshalb zu einer stärkeren privaten Krisenvorsorge auf. Zugleich verschärft sich der Ton in der britischen Sicherheitspolitik. Im Mittelpunkt steht das Jahr 2030. Bis dahin könnten nach Einschätzung des britischen Verteidigungsministers Wes Streeting feindliche Staaten über ausreichende militärische und wirtschaftliche Kapazitäten verfügen, um einen Angriff zu wagen. Großbritannien müsse deshalb innerhalb der kommenden gut 1.000 Tage seine Verteidigungsfähigkeit entscheidend verbessern.
Das ist keine Ankündigung eines Krieges zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es handelt sich vielmehr um eine politische und militärische Risikoeinschätzung, aus der die Regierung einen erheblichen Handlungsdruck ableitet.
Die größte Gefahr liegt nicht unbedingt an der Grenze
Die britischen Sicherheitsbehörden betrachten Russland als zentrale Bedrohung. Dabei geht es nicht allein um einen möglichen militärischen Angriff auf NATO-Staaten. Besonders im Fokus stehen Aktionen, die unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges bleiben. Dazu zählen Cyberangriffe, Sabotage und gezielte Störungen wichtiger Versorgungssysteme. Eine manipulierte Bankanwendung könnte den Zugriff auf Konten verhindern. Drohnen könnten den Flugverkehr beeinträchtigen. Ein Angriff auf die digitale Infrastruktur eines Krankenhauses könnte medizinische Abläufe unterbrechen.
Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 warnt bereits seit Längerem vor einer zunehmenden Gefährdung durch solche Aktionen. Geheimdienstchef Ken McCallum bezeichnete Russland Mitte Oktober als wichtigsten Aggressor und verwies darauf, dass entsprechende Operationen bewusst unterhalb der Schwelle einer unmittelbaren militärischen Reaktion der NATO bleiben könnten. Verteidigungsminister Streeting spricht in diesem Zusammenhang sogar von staatlich unterstütztem Terrorismus. Gleichzeitig betont die britische Regierung, keine direkte Konfrontation mit Russland anzustreben. Die Fähigkeit zur Verteidigung des NATO-Gebiets soll jedoch glaubwürdig bleiben.
Drei Tage ohne Versorgung: Bürger sollen vorsorgen
Die sicherheitspolitischen Warnungen haben inzwischen praktische Folgen für die Bevölkerung. Mit einer neuen Vorsorgekampagne fordert die britische Regierung die Haushalte auf, sich auf mindestens 72 Stunden ohne externe Unterstützung vorzubereiten. Empfohlen werden unter anderem neun Liter Trinkwasser pro Person, Lebensmittel für drei Tage, ein Erste-Hilfe-Set, Decken, Taschenlampen, ein batteriebetriebenes oder per Kurbel nutzbares Radio sowie Bargeld. Die Empfehlungen sollen nicht ausschließlich auf einen militärischen Konflikt vorbereiten. Sie sind auch für größere Stromausfälle, technische Störungen oder andere Krisen gedacht. Die Regierung versucht damit, die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung zu erhöhen.
Die Appelle scheinen bereits Wirkung zu zeigen. Nach den vorliegenden Berichten stiegen bei der Supermarktkette Iceland die Verkäufe von Konserven an einem Wochenende um rund 40 %. Der Elektronikhändler Maplin meldete nahezu eine Vervierfachung der Taschenlampenverkäufe gegenüber dem Vormonat. Damit erreicht die sicherheitspolitische Debatte zunehmend den Alltag der Menschen. Was bisher vor allem in Regierungserklärungen und militärischen Lagebeurteilungen behandelt wurde, schlägt sich nun auch im Kaufverhalten nieder.
Digitale Infrastruktur als Schwachstelle
Besonders bemerkenswert ist die Empfehlung, Bargeld für Notfälle bereitzuhalten. Schließlich hat Großbritannien den digitalen Zahlungsverkehr über Jahre hinweg stark ausgebaut. Die Regierung berücksichtigt damit ein Risiko, das in einer zunehmend vernetzten Wirtschaft erheblich an Bedeutung gewinnt: Fallen Stromversorgung, Kommunikationsnetze oder Bankensysteme aus, können selbst alltägliche Zahlungen schwierig werden.
Die Verwundbarkeit betrifft nicht nur private Haushalte. Auch Unternehmen sind auf funktionierende Datenverbindungen, Energieversorgung und Zahlungsdienste angewiesen. Ein schwerwiegender Ausfall könnte Lieferketten, Handel und Dienstleistungen gleichzeitig treffen. Die britischen Vorsorgeempfehlungen zeigen deshalb, dass moderne Sicherheitspolitik weit über die Ausstattung der Streitkräfte hinausgeht. Sie umfasst zunehmend die Stabilität der zivilen Infrastruktur.
Auch Deutschland blickt auf das Ende des Jahrzehnts
Die britische Einschätzung ist Teil einer breiteren europäischen Debatte. In Deutschland fordert Verteidigungsminister Boris Pistorius seit Längerem eine stärkere militärische Einsatzbereitschaft. Auch hier gilt das Ende des Jahrzehnts in sicherheitspolitischen Einschätzungen als besonders kritischer Zeitraum. Bei der privaten Krisenvorsorge geht Deutschland sogar über die britischen Empfehlungen hinaus. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz rät dazu, Vorräte für bis zu zehn Tage bereitzuhalten.
Der Unterschied zwischen solchen Empfehlungen und der tatsächlichen Vorbereitung vieler Haushalte dürfte allerdings beträchtlich sein. Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre lautet deshalb nicht nur, wie schnell die europäischen Staaten ihre Streitkräfte modernisieren können. Ebenso wichtig wird sein, ob Stromnetze, Kommunikationssysteme, Krankenhäuser und Zahlungsverkehr ausreichend gegen Störungen geschützt sind.
Großbritannien macht mit seiner auf 2030 ausgerichteten Planung deutlich, wie ernst die Regierung diese Risiken inzwischen nimmt. Ob die befürchtete militärische Zuspitzung tatsächlich eintritt, bleibt offen. Die Vorbereitung auf mögliche Krisen soll jedoch bereits jetzt erfolgen.