Die halbe Welt ist nicht bei Verstand? Lesch gegen Bau von AKW!

Die Kernenergie erlebt international eine bemerkenswerte Renaissance. Während Deutschland seine letzten Atomkraftwerke abgeschaltet hat, entstehen andernorts neue Reaktoren. Besonders China investiert massiv, aber auch mehrere europäische Staaten planen zusätzliche Anlagen. Damit wächst der Gegensatz zwischen der deutschen Energiepolitik und den Entscheidungen zahlreicher anderer Industrieländer.

Weltweit sind derzeit 443 Kernreaktoren betriebsbereit, weitere 79 befinden sich im Bau. Etwa die Hälfte der Neubauprojekte entfällt auf China. Allein 2026 gingen sechs neue Reaktoren ans Netz, fünf davon in China und einer in der Slowakei. Bereits 2025 erreichte die weltweite Stromerzeugung aus Kernenergie mit 2.702 Terawattstunden einen Rekordwert. Auch in Europa ist die Kernkraft keineswegs ein Auslaufmodell. Polen, Rumänien, Tschechien, Schweden und Großbritannien planen neue Anlagen. Ungarn baut bereits. Mehr als 30 Staaten verfolgen das Ziel, die weltweite Kernkraftkapazität bis 2050 zu verdreifachen.

Bemerkenswert ist dabei Italien. Das Land hatte sich nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1987 per Volksentscheid von der Kernenergie verabschiedet. Nach Fukushima bestätigten die Wähler 2011 ihre Ablehnung. Nun will die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni die Technologie zurückholen. Im Mittelpunkt stehen kleinere, modular aufgebaute Reaktoren.

Frankreich setzt weiter auf Kernenergie

Ein besonders wichtiger Vergleichsmaßstab für Deutschland bleibt Frankreich. Dort stammten 2025 rund 68 % des erzeugten Stroms aus Kernkraft. Allerdings stehen auch die französischen Anlagen vor Herausforderungen. Im vergangenen Sommer mussten mehrere Reaktoren zeitweise ihre Leistung reduzieren oder den Betrieb unterbrechen. Hintergrund waren hohe Wassertemperaturen und niedrige Flusspegel. Für die Kühlung gelten gesetzliche Vorgaben, die verhindern sollen, dass Flüsse durch zusätzlich eingeleitete Wärme zu stark belastet werden. Die Einschränkungen zeigen, dass Kernkraftwerke von den klimatischen Bedingungen ihrer Standorte abhängig sein können. Sie bedeuten jedoch nicht zwangsläufig, dass die Kühlung der Anlagen technisch versagt. In Frankreich spielten insbesondere Umweltauflagen zum Schutz der Gewässer eine Rolle. Am Standort Chooz kommen außerdem Vereinbarungen mit Belgien zur Wasserentnahme hinzu.

Die Frage, wie viel Kühlwasser Kraftwerke benötigen und welche Folgen höhere Temperaturen haben, gewinnt damit an Bedeutung. Das betrifft allerdings nicht ausschließlich Kernkraftwerke. Auch andere thermische Kraftwerke erzeugen Dampf, treiben damit Turbinen an und müssen überschüssige Wärme abführen.

Harald Lesch hält die Technologie für überholt

Vor diesem Hintergrund hat der Wissenschaftsjournalist und Astrophysiker Harald Lesch die Kernenergie scharf kritisiert. In einem Interview mit der „Welt“ bezeichnete er sie als technisch überholt und verwies insbesondere auf den steigenden Wasserbedarf und die Folgen des Klimawandels. Seine Argumentation richtet sich damit nicht nur gegen die bekannten Fragen der Sicherheit und der Entsorgung radioaktiver Abfälle. Lesch bezweifelt vielmehr, dass Kraftwerke mit erheblichem Kühlbedarf unter künftig schwierigeren klimatischen Bedingungen eine sinnvolle Lösung darstellen. Dem steht die internationale Entwicklung gegenüber. Zahlreiche Regierungen betrachten Kernenergie weiterhin als Möglichkeit, große Mengen Strom unabhängig von Wind und Sonneneinstrahlung bereitzustellen. Für sie spielt vor allem die Versorgungssicherheit eine entscheidende Rolle.

Damit geht es in der Debatte längst nicht mehr allein um die Frage, ob Atomkraft technisch wünschenswert ist. Unterschiedliche Staaten kommen bei der Abwägung von Klimaschutz, Versorgungssicherheit, Kosten und Risiken zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Deutschland hat seine Entscheidung bereits getroffen

In Deutschland ist der Atomausstieg vollzogen. Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Abschaltung der letzten Kernkraftwerke zwar als schweren strategischen Fehler kritisiert, zugleich aber deutlich gemacht, dass eine Rückkehr kaum noch möglich erscheint. Das schafft eine besondere Ausgangslage: Während andere europäische Länder neue Reaktoren vorbereiten und China seine Kapazitäten ausbaut, setzt Deutschland auf ein Energiesystem ohne eigene Kernkraftwerke. Für die deutsche Industrie ist dabei vor allem die Frage entscheidend, ob Strom dauerhaft zuverlässig und zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar sein wird. Die internationale Entwicklung zeigt jedenfalls, dass der deutsche Ausstieg keineswegs zum weltweiten Vorbild geworden ist. Vielmehr verfolgen zahlreiche Staaten einen anderen Weg – und investieren weiter in eine Technologie, die in Deutschland bereits abgeschrieben wurde.