Genügend Strom im Winter? Die Gefahr liegt im Abschalten der Industrie

Ein flächendeckender Blackout gilt in Deutschland als unwahrscheinlich, doch viel riskanter ist ein anderes Szenario: Der Strom wird knapp, und der Staat klemmt in Form der Bundesnetzagentur den energieintensiven Betrieben den Strom ab. Sie meinen, das sei unrealistisch? Nun, dann werfen Sie einfach mal einen Blick in die Vorbereitung der Bundesnetzagentur auf den Ernstfall.

Die Bundesnetzagentur versichert zwar, die Stromversorgung sei sehr sicher und eine Mangellage nicht in Sicht. Gleichzeitig baut die Agentur jedoch seit 2024 eine „Sicherheitsplattform Strom“ auf. Dort müssen sich Großverbraucher mit mehr als acht Gigawattstunden Jahresverbrauch registrieren. Das betrifft vor allem Unternehmen aus den Sektoren Chemie, Stahl, Aluminium, Papier und Glas.

Im Krisenfall könnte die Behörde sie anweisen, ihren Verbrauch zu drosseln oder einzustellen. Das Ganze mit einer Vorlaufzeit von 24 Stunden bis zu drei Tagen. Zur Dauer der Eingriffe gibt es abweichende Berichte. Eine Darstellung nennt bis zu 24 Stunden, die „Welt“ schreibt, die Behörde rüste sich für Ausfälle von mehreren Tagen bis Wochen.

Der Puffer ist gefährlich dünn

Für den Winter 2026/2027 hat die Bundesnetzagentur einen Netzreservebedarf von 7.407 Megawatt festgestellt, nach 6.493 Megawatt im Vorjahr. Davon sind 2.665 Megawatt noch nicht gedeckt. Die Reservekraftwerke fallen im Winterhalbjahr im Schnitt zu 28,6 Prozent aus, mehrere Anlagen stehen laut Betreibern in diesem Winter gar nicht bereit.

Kritisch wird es deshalb, wenn mehrere Faktoren zusammentreffen: Kälte, Windflaute und kaum Sonne. Dann tragen Gaskraftwerke die Last und müssen entsprechend der Planung der Behörde knapp 28.100 Megawatt Strom liefern. Doch gerade Gas ist derzeit knapp, denn die Speicher waren Ende September so niedrig gefüllt wie noch nie zu diesem Zeitpunkt.

Der Energieexperte Fritz Vahrenholt spricht deshalb von einer kombinierten Gas-Strom-Krise, die uns schon im nächsten Winter treffen könnte. Seine Prognose ist dabei nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine politische: Treffe nur eines der beiden Szenarien ein, also ein Gasmangel oder eine Stromabschaltung für die Industrie, sei die Bundesregierung „in Schutt und Asche“, sagt er.

Deutschlands Verwundbarkeit steigt mit dem Bedarf

Wie verwundbar das Netz ist, zeigte Berlin am 3. Januar 2026: Nach dem Brand einer Kabelbrücke in Lichterfelde dauerte es rund vier Tage, bis der Südwesten der Stadt wieder vollständig versorgt war. Neue Gaskraftwerke helfen in diesem Winter nicht, denn sie existieren noch gar nicht. Die ersten Ausschreibungen für je 4,5 Gigawatt sind für den 1. September und den 8. Dezember 2026 vorgesehen.

Die Zahlen sprechen ebenfalls für die Gegenseite, denn im Jahr 2024 waren die Stromkunden im Schnitt nur 11,7 Minuten ohne Versorgung. Das ist ein Rekordwert und laut Monitoringbericht gilt die Versorgung bis 2035 als gesichert, wenn bis dahin 22 bis 35 Gigawatt steuerbare Leistung hinzukommen. Entscheidend ist deshalb für den nächsten Winter, ob die Industrie in einer Kältewelle als Erste verzichten muss und anschließend das Land notgedrungen in Scharen verlässt, weil Versorgungssicherheit hierzulande zu einem Fremdwort geworden ist.