Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler beschäftigt sich in einem Gastbeitrag für WELT vom 17. Oktober 2026 mit der Frage, ob hinter Donald Trumps widersprüchlich wirkender Außenpolitik eine übergeordnete Strategie stehen könnte. Seine These: Trump strebe möglicherweise an, die Vereinigten Staaten von einer globalen Führungsmacht in ein stärker auf den amerikanischen Doppelkontinent konzentriertes Imperium umzuwandeln.
Münkler argumentiert, Trump habe das Vertrauen zahlreicher traditioneller Verbündeter beschädigt. Besonders deutlich werde dies am Umgang mit Russland und der Ukraine. Um die amerikanischen Dieselpreise vor den Zwischenwahlen zu senken, habe Trump Sanktionen gegen Russland ausgesetzt und russische Diesellieferungen vereinbart. Damit untergrabe er die wirtschaftliche Isolierung Moskaus und schwäche zugleich die Position der Ukraine.
Die zunächst vereinbarten Liefermengen könnten nach Münklers Einschätzung den amerikanischen Kraftstoffmarkt kaum nachhaltig entlasten. Deshalb liege die Vermutung nahe, dass der Handel mit Russland ausgeweitet werden solle. Dies berge zusätzliche innenpolitische Konflikte, da auch republikanische Senatoren Widerstand gegen die Vereinbarungen erkennen ließen.
Glaubwürdigkeit der USA sei geschädigt
Auch im Nahen Osten sieht Münkler die Glaubwürdigkeit der USA beschädigt. Der amerikanische Krieg gegen den Iran habe eine regionale Eskalation ausgelöst, deren Folgen unter anderem Saudi-Arabien zu tragen habe. Zugleich hätten die Vereinigten Staaten ihre traditionellen Partner nicht ausreichend vor Angriffen schützen können. Die Golfstaaten müssten deshalb an der Verlässlichkeit der amerikanischen Sicherheitsgarantien zweifeln.
Ähnliche Entwicklungen beobachte Münkler in Europa und Ostasien. Europäische Staaten seien zunehmend gezwungen, ihre Verteidigung unabhängiger von Washington zu organisieren. Japan und Südkorea wiederum würden durch kurzfristige amerikanische Kurswechsel und Trumps Annäherung an Nordkorea verunsichert.
Aus diesen Entwicklungen leite Münkler die Erwartung ab, dass die USA am Ende von Trumps Präsidentschaft international deutlich isolierter sein könnten. Militärische Stärke allein könne den Verlust politischer Bündnisse nicht ausgleichen. Die bisherige Außenpolitik lasse zudem Zweifel daran aufkommen, ob Trumps auf kurzfristige Vereinbarungen ausgerichteter Regierungsstil tatsächlich strategische Vorteile verschaffe.
Dennoch hält Münkler eine übergeordnete Zielsetzung für denkbar. Die amerikanische Außenpolitik könnte darauf ausgerichtet sein, globale Verpflichtungen abzubauen und stattdessen die eigene Vormachtstellung in Nord- und Südamerika auszubauen. Als Hinweise nennt er das amerikanische Vorgehen in Venezuela, den Druck auf Mexiko und Kolumbien sowie Trumps Ansprüche gegenüber Kanada und Grönland.
Allerdings lasse sich auch diese mögliche Strategie nicht widerspruchsfrei mit Trumps Entscheidungen vereinbaren. Insbesondere der Krieg gegen den Iran passe kaum zu einem konsequenten Rückzug aus globalen Konflikten.
Zugleich profitiere China nach Münklers Darstellung von den geopolitischen Positionen, die Washington aufgebe. Der Versuch, Russland durch persönliche Kontakte und wirtschaftliche Vereinbarungen aus seiner strategischen Zusammenarbeit mit China herauszulösen, sei bislang gescheitert.
Münkler gelangt deshalb zu einer ausgesprochen kritischen Gesamtbewertung: Selbst wenn Trump tatsächlich eine Neuordnung der amerikanischen Machtpolitik anstrebe, führe deren bisherige Umsetzung zu einem erheblichen Verlust internationaler Handlungsfähigkeit. Die mögliche Konzentration auf den amerikanischen Kontinent gehe mit einer Schwächung der bisherigen globalen Stellung der Vereinigten Staaten einher.