Liebe Leser,
lassen Sie uns zum Abschluss unserer kleinen Artikelreihe zum russischen Fernen Osten einen Blick in die Zukunft werfen. Welche möglichen Entwicklungen deuten sich in einer der brisantesten Grenzregionen der Welt gerade an?
Die Frage ist nicht, ob China seinen Einfluss im russischen Fernen Osten weiter ausbauen wird. Die Frage ist vielmehr, wie schnell und wie weit. Demographische Trends, wirtschaftliche Abhängigkeiten und geopolitische Verschiebungen deuten alle in dieselbe Richtung. Was das konkret bedeutet, lässt sich am besten in drei Zeitperspektiven beschreiben: die nächsten fünf Jahre, die kommenden zwei Jahrzehnte und der Horizont für die zweite Hälfte des Jahrhunderts.
Kurzfristig sind keine wesentlichen Veränderungen zu erwarten
Kurzfristig, also bis etwa 2030, ist keine dramatische Veränderung der Situation zu erwarten. China und Russland benötigen sich gegenseitig: Moskau braucht Peking als Wirtschaftspartner und politischen Rückhalt gegenüber dem Westen, Peking braucht Moskau als Energielieferant und strategischen Partner, der westliche Aufmerksamkeit bindet. Ein offener Konflikt oder gar territoriale Forderungen wären in dieser Phase für beide Seiten kontraproduktiv.
Was sich jedoch weiter verstärken wird, sind die chinesischen Investitionen in Infrastruktur, die Landwirtschaft und die Rohstoffgewinnung im Fernen Osten. Chinesische Arbeitskräfte werden in den Grenzregionen noch bedeutender werden und eine wachsende wirtschaftliche Verflechtung, die Russland strukturell abhängig macht, wird auch weiterhin das Bild bestimmen.
Parallel dazu wird Russland weitere, Versuche unternehmen, die Region durch eine verstärkte Binnenmigration zu stärken. Ob sie erfolgreicher verlaufen werden als die bisherigen Schritte, bleibt abzuwarten. Nicht überraschend wäre jedoch, sollten die Erfolge ebenso überschaubar bleiben wie in der Vergangenheit.
Mittelfristig dürfte viel am Ausgang des Kriegs in der Ukraine hängen
Mittelfristig, bis etwa 2040, könnte das Bild sich jedoch deutlicher verschieben. Entscheidend wird dabei sein, wie der Ukraine-Krieg endet und wie Russland danach dasteht. Ein geschwächtes, sanktioniertes Russland ohne Zugang zu westlicher Technologie und Kapital wird auf Peking noch stärker angewiesen sein als heute.
China wird diese Abhängigkeit fraglos nutzen, um seinen Einfluss im Fernen Osten weiter zu institutionalisieren. Dies kann durch langfristige Pachtverträge, neue Konzessionen, Infrastrukturprojekte und möglicherweise auch durch eigene Sonderwirtschaftszonen in der Region erfolgen.
Die demographische Situation wird sich weiter verschärfen: Russlands Geburtenrate liegt deutlich unter der Reproduktionsrate, der Ferne Osten verliert weiter Einwohner, während die chinesische Grenzprovinz Heilongjiang trotz ebenfalls rückläufiger Bevölkerung noch immer ein Vielfaches der russischen Regionalbevölkerung stellt.
China denkt langfristiger als der Westen oder auch Russland
Das langfristige Szenario ist mit Sicherheit das interessantest, nicht zuletzt deshalb, weil die Chinesen langfristig denken und agieren. Als besonders wichtig wird dabei von der kommunistischen Führung in Peking das Jahr 2049 angesehen, denn in ihm jährt sich die Gründung der Volksrepublik zum hundertsten Mal. Bis 2049 sind verschiedene Szenarien denkbar, die aus russischer Perspektive von besorgniserregend bis offen bedrohlich reichen.
Im für Russland günstigsten Fall stabilisiert sich das Verhältnis in einer Art informeller Arbeitsteilung: Russland hält die formale Souveränität, China hält die wirtschaftliche Kontrolle. Im mittleren Szenario hat China die Region so tief wirtschaftlich durchdrungen, dass Russland kaum noch unabhängige Entscheidungen treffen kann.
Im ungünstigsten Fall nutzt Peking eine Phase russischer Schwäche, etwa nach einem verlorenen Krieg, einer innenpolitischen Krise oder einem politischen Umbruch, um territoriale Ansprüche offen zu stellen, die heute noch im Bereich des Undenkbaren liegen.
Die Zeit scheint eher für China zu arbeiten
Keines dieser Szenarien ist zwingend. Aber alle drei sind möglich und das aktuell Entscheidende ist: Russland steuert gerade nicht auf eines der besseren Szenarien zu. Es fehlen die Bevölkerung, die Wirtschaftskraft und die politische Konzentration, um den Fernen Osten wirklich zu entwickeln und zu halten. China hingegen verfügt über das, was für eine langfristige Machtexpansion nötig ist: Kapital, Arbeitskräfte, einen strategischen Plan und – vor allem – Geduld.
Für die internationale Gemeinschaft ist diese Entwicklung schwer einzuordnen. Der russische Ferne Osten steht nicht auf der Tagesordnung der großen außenpolitischen Debatten. Dabei könnte er sich als eine der bedeutendsten geopolitischen Verschiebungen des 21. Jahrhunderts erweisen: der schleichende Übergang eines riesigen Raums von russischer Hoheit in chinesischen Einfluss – ohne einen einzigen Schuss, nur durch die Kraft des demographischen und wirtschaftlichen Ungleichgewichts.
Am Ende ist es die alte Frage der Geschichte, die immer wieder neu beantwortet werden muss: Wem gehört ein Raum – dem, der ihn formal besitzt, oder dem, der ihn tatsächlich bevölkert, bewirtschaftet und belebt? Russland besitzt den Fernen Osten. Aber immer mehr spricht dafür, dass China ihn belebt.