Am 13. August 1961 begann die DDR, ihre eigene Bevölkerung einzumauern. Straßen wurden gesperrt, Gleise unterbrochen, Stacheldraht ausgerollt. Was zunächst provisorisch wirkte, entwickelte sich zu einem Grenzsystem, das fast drei Jahrzehnte Bestand hatte. 65 Jahre später wird an den Mauerbau erinnert. Katrin Göring-Eckardt sprach dabei über Freiheit, über die Menschen in der DDR und über politische Gefahren der Gegenwart. Ein Teil der Geschichte blieb jedoch auffällig im Hintergrund: die politische Herkunft der Partei Die Linke. Göring-Eckardt erinnerte an Menschen, die sich dem engen Korsett der DDR entzogen. An Jugendliche, Punks, Andersdenkende und an jene, die einst an den Kommunismus geglaubt hatten und später mit der Wirklichkeit des Staates in Konflikt gerieten.
Die Mauer war allerdings mehr als das Ergebnis einer enttäuschten politischen Idee. Sie war ein Machtinstrument. Die DDR-Führung wollte verhindern, dass ihr weiterhin Menschen davonliefen. Wer trotzdem fliehen wollte, riskierte Gefängnis, Verletzungen oder den Tod. Verantwortlich dafür war ein Staat, dessen politische Führung fest in der Hand der SED lag.
Von der SED zur Linkspartei
Die SED verschwand mit dem Ende der DDR nicht einfach. Sie änderte ihren Namen, zunächst in SED-PDS, später in PDS. Im Jahr 2007 entstand gemeinsam mit der WASG die Partei Die Linke. Diese Parteigeschichte gehört zur deutschen Gegenwart. Sie macht heutige Mitglieder der Linken nicht persönlich für das DDR-Grenzregime verantwortlich. Aber sie verschwindet auch nicht dadurch, dass seit dem Fall der Mauer Jahrzehnte vergangen sind. Gerade bei einer Rede über den Mauerbau wäre diese historische Linie naheliegend gewesen.
Stattdessen richtete Göring-Eckardt den Blick auf andere Gefahren. Sie warnte davor, Freiheit und Sicherheit für selbstverständlich zu halten, und sprach über die Möglichkeit rechtsextremer Regierungen. Damit wurde aus dem historischen Gedenken zugleich eine Aussage über die politische Gegenwart.
Sobald eine Rede zum Mauerbau heutige Parteien und politische Entwicklungen berührt, verändert sich ihr Charakter. Dann geht es nicht mehr ausschließlich um Erinnerung. Die Frage lautet plötzlich auch: Welche Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart werden angesprochen?
Die Geschichte der SED und ihrer Nachfolgeorganisationen liegt dabei auf der Hand. Sie führt von der Staatspartei der DDR über mehrere Veränderungen bis zur heutigen Linken. Gleichzeitig lässt sich die DDR-Vergangenheit nicht bequem einer einzigen heutigen Partei zuordnen. Auch andernorts finden sich Biografien, die zurück in das politische System der DDR reichen. Im Zusammenhang mit der AfD wurde etwa die frühere Tätigkeit von Frank-Ronald Bischoff für das Ministerium für Staatssicherheit zum Thema.
Die Vergangenheit verläuft damit quer durch manche der einfachen politischen Frontlinien der Gegenwart.
Der Mauerbau selbst ist deutlich genug. Ein Staat hinderte seine Bürger daran, das Land zu verlassen. Familien wurden getrennt. Menschen wurden überwacht und verfolgt. Fluchtversuche endeten im Gefängnis und an der innerdeutschen Grenze auch tödlich.
Dafür braucht es keine nachträglich konstruierte Botschaft. Wer 65 Jahre später an diese Ereignisse erinnert, kann über heutige Gefahren für Freiheit sprechen. Dann gehört allerdings auch die Frage dazu, wie mit den politischen Hinterlassenschaften der DDR umgegangen wird. Die Geschichte der Mauer ist schließlich nicht nur die Geschichte der Menschen, die sie überwinden wollten. Sie ist ebenso die Geschichte derjenigen, die sie bauen ließen, sie verteidigten und das dahinterstehende System über Jahrzehnte aufrechterhielten. Gerade dieser Teil darf beim Erinnern nicht zur Fußnote werden.