China hat die Welt in diesem Jahr durch die Einstellung seiner Rohölkäufe vor einem extremen Preisanstieg bewahrt. Bemerkenswert ist dabei, dass von der Zurückhaltung Chinas letztlich auch die USA selbst profitierten. Zwar sind die Vereinigten Staaten in der Zwischenzeit wieder in der Lage, ihren Ölverbrauch selbst zu decken, doch diese Versorgungssicherheit schützt die amerikanischen Verbraucher nicht vor höheren Weltmarktpreisen. Rohöl wird globalen gehandelt. Der Preis zwischen den einzelnen Ölsorten ist aufgrund deren unterschiedlicher Zusammensetzung immer ein anderer. Aber unabhängig davon bewegen sich die Preise im relativen Gleichschritt, was bedeutet, dass ein extremer Preissprung im Frühjahr auch die amerikanischen Verbraucher empfindlich getroffen hätte, unabhängig von der heimischen Förderung.
Nach Einschätzung von Marktbeobachtern spielten dabei auf der chinesischen Seite allerdings kaum altruistische Motive eine Rolle. Näherliegend erscheint das wirtschaftliche Eigeninteresse. Rund ein Fünftel der chinesischen Wirtschaftsleistung hängt am Export, ein Großteil davon geht in Länder, die selbst massive Ölimporteure sind und durch explodierende Preise empfindlich getroffen worden wären. Ein Ölpreis von 200 US-Dollar hätte damit indirekt auch die chinesischen Exportmärkte in Mitleidenschaft gezogen.
Keine Rückkehr zu alten Importniveaus
Auch reine Vorsicht dürfte als das zentrale Motiv für das chinesische Handeln weitgehend ausscheiden. Das zeigt der Blick auf die Zeit nach dem vorübergehenden Rückgang der Spannungen. Als sich Ende Juni kurzzeitig die Hoffnungen auf eine Waffenruhe verdichteten und die Ölpreise wieder in Richtung des Vorkriegsniveaus zurückfielen, wäre für ein Land, das lediglich einen Preisschock abfedern wollte, genau der richtige Moment gekommen, um die eigenen Reserven wieder aufzufüllen.
Genau das tat China jedoch nicht in einem nennenswertem Umfang. Die Importe verharrten vielmehr weiter auf einem ungewöhnlich niedrigem Niveau. Dieses wenig preissensible Verhalten deutet eher auf strategische Überlegungen jenseits einer reinen Preisabsicherung hin. Hier kommt eine mögliche geldpolitische Dimension ins Spiel, die der Gegenstand eines eigenen Artikels sein wird.
Ein vergleichsweise stiller Vorgang
Auffällig ist zudem, dass China seine Kaufzurückhaltung am Ölmarkt zu keinem Zeitpunkt offensiv als humanitäre oder wohlwollende Geste kommuniziert hat. Es blieb bei nüchternen Zollzahlen, die erst im Nachhinein von Analysten zusammengesetzt werden mussten, um das Ausmaß des chinesischen Beitrags zur Preisdämpfung überhaupt zu erkennen.
Das deutet darauf hin, dass die eigene Ölreserve für die Führung in Beijing offensichtlich in erster Linie ein strategisches Instrument der eigenen wirtschaftlichen Absicherung und nicht (auch) der außenpolitischen Imagepflege darstellt. Auch die Wiederholung eines solchen Verhaltens ist damit nicht garantiert. China wird in Zukunft möglicherweise wieder so handeln, wenn es seinen eigenen strategischen Interessen entspricht und sich ganz anders verhalten, wenn diese eine andere Reaktion nahelegen.