Europa unter Druck: Was die Zahlen wirklich zeigen

Die Eurozone steht aktuell unter doppeltem Druck: Die Inflation zieht an, die Realzinsen sind negativ, die Märkte verlangen von schwachen Schuldnern höhere Zinsen und in der Energiepolitik gibt zumeist Washington den Takt vor. Die Lage ist ernst, aber sie ist differenzierter, als manche reißerische Schlagzeile es gerade nahelegt. Die Inflation im Euroraum stieg im September laut Eurostat-Schnellschätzung auf 3,8 Prozent an. Das ist der höchste Wert seit drei Jahren. Energie verteuerte sich um 18,8 Prozent. Der EZB-Einlagensatz liegt nach zwei Anhebungen in diesem Jahr nun bei 2,5 Prozent, der Realzins damit bei rund minus 1,3 Prozent. In den USA steht die Fed-Zinsspanne seit dem 16. September bei 3,75 bis 4,0 Prozent, während die Teuerung im August bei 3,4 Prozent lag. Daraus ergibt sich für die Vereinigten Staaten ein positiver Realzins von knapp 0,5 Prozent.

Am Anleihemarkt zeigt sich der Stress derzeit dort, wo die öffentlichen Haushalte am schwächsten sind. Frankreichs zehnjährige Rendite näherte sich am 1. Oktober der Marke von fünf Prozent an. Der Abstand zur Bundesanleihe (3,64 Prozent, höchster Stand seit 2009) überschritt 130 Basispunkte und liegt damit auf einem Niveau, das zuletzt 2012 erreicht wurde. Seit September rentiert Frankreich zudem erstmals höher als Italien.

Wachstum: Rückstand ja, aber nicht überall

Die USA korrigierten ihr Wachstum für das Gesamtjahr im zweiten Quartal von 1,5 auf 2,2 Prozent. Der Vergleich mit dem Euroraum hinkt allerdings: Dort lag das Plus im selben Quartal bei 0,6 Prozent zum Vorquartal, hochgerechnet etwa 2,4 Prozent. Getragen wird dieses Wachstum vor allem von Irland mit 10,2 Prozent, während im ersten Quartal 2026 noch Stillstand herrschte. Im Jahresvergleich wächst die US-Wirtschaft mit 2,2 Prozent damit fast doppelt so schnell wie der Euroraum (1,2 Prozent). Immerhin stieg dar Ifo-Geschäftsklimaindex für Deutschland im September auf 89,9 Punkte, den höchsten Stand seit über drei Jahren. Die Commerzbank erwartet dennoch nur eine moderate Erholung.

Strukturschwächen und Abhängigkeiten belasten

Mario Draghi bezifferte im Vorjahr den Investitionsbedarf auf 750 bis 800 Milliarden Euro jährlich. Ein Jahr nach seinem Bericht hält sich die Umsetzung jedoch in engen Grenzen. Bei den kritischen Rohstoffen ist die Europäische Union nach Angaben von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zu mehr als 80 Prozent von China abhängig. Wie eng der Spielraum ist, zeigte der 2. Oktober: Nach massivem US-Druck, dem sich Berlin zunächst widersetzte, stimmten die G7 der Freigabe von bis zu 100 Millionen Barrel Öl und Diesel zu aus den nationalen Reserven zu. Washington verzichtete im Gegenzug auf ein Dieselexportverbot.

Die Schlinge um den europäischen Hals wird enger. Der Druck durch Zinsen, hohe Energiepreise und weiter bestehende Abhängigkeiten ist real. Die Wirtschaft hat sich aber widerstandsfähiger gezeigt als zunächst erwartet. Entscheidend sind die 5-Prozent-Schwelle bei den französischen Anleihen und die Frage, wie die Europäische Zentralbank auf diese Entwicklung reagieren wird. Die Augen der Marktteilnehmer richten sich daher jetzt schon auf die EZB-Sitzung am 17. Dezember. Was dort entschieden werden wird, wird auch von der weiteren Entwicklung der Energiepreise abhängen.