Frankreich droht eine Schuldenspirale

Frankreich kann seine Schulden bezahlen. Noch. Der französische Staat findet weiterhin Käufer für seine Anleihen, kann fällige Schulden durch neue ersetzen und zusätzliche Milliarden aufnehmen. Von einer akuten Zahlungsunfähigkeit kann deshalb keine Rede sein. Doch genau das ist möglicherweise die falsche Frage. Denn Frankreich muss seinen gewaltigen Schuldenberg nicht eines Tages auf einen Schlag zurückzahlen. Wie praktisch jeder hoch verschuldete Staat refinanziert es einen erheblichen Teil davon immer wieder: Alte Anleihen laufen aus, neue werden ausgegeben. Gleichzeitig kommen zusätzliche Schulden hinzu, weil der Staat weiterhin mehr ausgibt, als er einnimmt. Entscheidend ist deshalb nicht, ob Frankreich heute zahlen kann, sondern zu welchen Konditionen Investoren Frankreich morgen noch Geld geben werden.

Hunderte Milliarden müssen immer wieder an den Markt

Für 2026 liegt der Finanzierungsbedarf des französischen Staates bei rund 310 Milliarden Euro. Darin stecken nicht nur neue Defizite. Rund 170 Milliarden Euro entfallen auf auslaufende mittel- und langfristige Schulden, die ersetzt werden müssen. Frankreich muss also Jahr für Jahr enorme Summen am Kapitalmarkt aufnehmen – und genau hier werden die steigenden Renditen zum Problem. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen ist inzwischen auf rund 4,7 Prozent gestiegen. Je länger dieses Zinsniveau anhält, desto größer wird der Anteil der französischen Staatsschulden, der zu höheren Konditionen refinanziert werden muss.

Noch profitiert Paris davon, dass ein großer Teil der bestehenden Schulden in Zeiten wesentlich niedrigerer Zinsen aufgenommen wurde. Diese Anleihen behalten ihren alten Kupon bis zur Fälligkeit. Deshalb schlägt ein Renditeanstieg nicht sofort auf den gesamten Schuldenberg durch. Doch dieser Schutz läuft Stück für Stück aus. Frankreichs handelbare Staatsschulden haben eine durchschnittliche Restlaufzeit von etwas mehr als acht Jahren. Jahr für Jahr werden alte, teilweise sehr günstig finanzierte Papiere durch neue ersetzt. Bleiben die Renditen hoch, wandert das neue Zinsniveau damit immer tiefer in den französischen Staatshaushalt.

Die steigenden Renditen sind kein Zufall

Natürlich ist nicht der gesamte Zinsanstieg ein spezifisch französisches Problem. Auch die Renditen anderer europäischer Staatsanleihen sind gestiegen. Inflationsrisiken, Energiepreise und die Erwartungen an die Geldpolitik beeinflussen das gesamte Zinsniveau. Doch Frankreichs Problem zeigt sich im Vergleich mit Deutschland. Der Abstand zwischen den Renditen zehnjähriger französischer und deutscher Staatsanleihen ist zeitweise auf mehr als 110 Basispunkte gestiegen. Der Markt verlangt also einen zusätzlichen Aufschlag, um Frankreich Geld zu leihen. Dieser Risikoaufschlag ist eine Botschaft: Anleger bewerten die französischen Staatsfinanzen zunehmend kritischer.

Dafür gibt es einen handfesten Grund. Frankreich muss nicht nur bestehende Schulden refinanzieren, sondern produziert weiterhin erhebliche neue Defizite. Alte Schulden müssen ersetzt werden, neue kommen hinzu und gleichzeitig steigt der Preis des geliehenen Geldes. Solange Anleger bereit sind, französische Staatsanleihen in ausreichendem Umfang zu kaufen, funktioniert dieses Modell. Problematisch wird es, wenn sie dafür dauerhaft immer höhere Renditen verlangen. Denn steigende Zinskosten belasten den Haushalt, höhere Haushaltsbelastungen erschweren die Konsolidierung und zusätzliche Defizite erhöhen wiederum den Finanzierungsbedarf.

Für einen hoch verschuldeten Staat gibt es keinen einzelnen Zinssatz, bei dem plötzlich die Zahlungsunfähigkeit eintritt. Entscheidend ist die Dynamik. Steigende Renditen erhöhen nach und nach die Zinsausgaben. Kann der Staat diese Belastung nicht durch höhere Einnahmen, niedrigere Ausgaben oder ausreichend starkes Wirtschaftswachstum auffangen, entstehen zusätzliche Defizite. Diese müssen wiederum finanziert werden. Wächst dadurch die Verschuldung weiter, können Investoren einen noch höheren Risikoaufschlag verlangen. Aus höheren Schulden werden dann höhere Zinskosten – und aus höheren Zinskosten neuer Finanzierungsbedarf.

Frankreich befindet sich nicht in einer akuten Refinanzierungskrise. Aber genau deshalb sollte die entscheidende Frage nicht lauten, ob Paris heute seine Rechnungen bezahlen kann. Frankreich ist dauerhaft darauf angewiesen, dass Investoren auslaufende Anleihen ersetzen und zusätzliche Defizite finanzieren. Solange dieses Vertrauen vorhanden ist, kann ein hoch verschuldeter Staat lange funktionieren. Doch der Kapitalmarkt entscheidet über den Preis dieses Vertrauens jeden Tag neu. Und derzeit verlangt er von Frankreich deutlich mehr als noch vor kurzer Zeit.

Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre lautet deshalb: Reichen Wirtschaftswachstum, Staatseinnahmen und politische Konsolidierung aus, um die Verschuldung zu stabilisieren, bevor steigende Zinskosten einen immer größeren Teil des Haushalts beanspruchen? Denn Frankreich muss seine Gläubiger nicht nur heute überzeugen. Es muss sie bei jeder neuen Anleihe wieder überzeugen.