Weniger Wohlstand als Klimaziel: Europas neue Schrumpf-Debatte

Über Europas wirtschaftliche Zukunft wird normalerweise mit einem festen Ziel diskutiert: Wachstum. Die Wirtschaft soll produktiver werden, Investitionen sollen steigen, neue Technologien Wohlstand schaffen und gleichzeitig den CO₂-Ausstoß reduzieren. Die Wirtschaftsredakteurin Ulrike Herrmann hält genau diese Verbindung jedoch für eine Illusion. „Grünes Wachstum“ funktioniere nicht. Wenn Europa seine Klimaziele ernst nehme, müsse die Wirtschaftsleistung schrumpfen. Damit bekommt die Debatte eine völlig andere Dimension. Es geht nicht mehr nur darum, Energie anders zu erzeugen, Verbrennungsmotoren durch Elektroautos zu ersetzen oder industrielle Prozesse klimafreundlicher zu gestalten. Zur Diskussion steht vielmehr der materielle Wohlstand selbst.

Herrmann bezeichnet ihr Konzept als „grünes Schrumpfen“. Europa müsse akzeptieren, dass eine klimaverträgliche Wirtschaftsweise mit weniger Produktion und Konsum verbunden sei. Diese Position vertritt sie bereits seit 2022 in ihrem Buch „Das Ende des Kapitalismus“ und bringt sie nun erneut in die Diskussion über Europas wirtschaftliche und geopolitische Zukunft ein. Die Konsequenzen reichen dabei bis in den Alltag der Bevölkerung. Als eine zentrale Maßnahme nennt Herrmann beispielsweise einen deutlich geringeren Fleischkonsum. Klimapolitik wäre nach diesem Verständnis also nicht allein eine Frage neuer Technologien und anderer Energiequellen, sondern zwangsläufig auch eine Frage des individuellen Konsumverhaltens und des Verzichts.

Gleichzeitig soll Europa erheblich mehr Ressourcen für seine Verteidigung mobilisieren. Russland bezeichnet Herrmann als „Mafiastaat“, während die bisherige militärische Unterstützung der Ukraine Europa ihrer Einschätzung nach kaum etwas gekostet habe. Zusätzliche Mittel für die zukünftige Aufrüstung sollen unter anderem durch eine stärkere Belastung sehr großer Vermögen beschafft werden. Konkret steht eine jährliche Vermögensteuer von zwei Prozent für EU-Bürger mit einem Vermögen von mehr als 100 Millionen Euro im Raum, orientiert am Modell des französischen Ökonomen Gabriel Zucman. Entscheidend ist dabei, dass sich die zwei Prozent nicht auf Einkommen oder Jahresgewinne beziehen, sondern auf das vorhandene Vermögen. Eine solche Abgabe kann damit auch Vermögenswerte treffen, die nicht in entsprechendem Umfang laufende Erträge produzieren, beispielsweise Unternehmensbeteiligungen, Fabriken oder Maschinen. Befürworter argumentieren dagegen, dass die Vermögen sehr reicher Menschen langfristig durchschnittlich stärker wachsen und eine solche Belastung deshalb tragbar sei.

Damit zeichnet sich ein Wirtschaftsmodell ab, das zwei Bewegungen miteinander verbinden soll: Die gesamte Wirtschaftsleistung soll aus ökologischen Gründen sinken, gleichzeitig soll innerhalb dieser kleiner werdenden Wirtschaft stärker umverteilt werden. Eine schrumpfende Volkswirtschaft bedeutet jedoch nicht lediglich eine niedrigere abstrakte Zahl beim Bruttoinlandsprodukt. Weniger Wirtschaftsleistung kann auch weniger Unternehmensgewinne, geringere Investitionen und weniger Spielraum für steigende Einkommen bedeuten. Gleichzeitig müssen Renten, Sozialversicherungssysteme, Gesundheitsversorgung, Infrastruktur und zusätzlich wachsende Verteidigungsausgaben finanziert werden. Je kleiner die wirtschaftliche Basis wird, desto intensiver dürfte deshalb die Auseinandersetzung darüber werden, wie die vorhandenen Mittel verteilt werden.

Wenn Schrumpfung zum politischen Programm wird

Während die Wirtschaft schrumpfen soll, gilt für den Arbeitsmarkt eine andere Logik. Ohne Zuwanderung würde nach Herrmanns Einschätzung „alles zusammenbrechen“. Dabei lehnt sie eine Konzentration allein auf hochqualifizierte Einwanderer ab. Europa benötige Arbeitskräfte auf sämtlichen Qualifikationsstufen. Die Vorstellung, Migration ausschließlich nach Qualifikation zu steuern, bezeichnet sie als „Quatsch“. Damit verbindet sich die Schrumpfungsstrategie mit einer expansiven Vorstellung von Arbeitsmigration: Eine kleinere Wirtschaftsleistung soll gleichzeitig weiterhin eine große Zahl von Arbeitskräften benötigen. Fragen nach Integrationskosten, Belastungen der Sozialsysteme oder anderen gesellschaftlichen Folgewirkungen stehen bei diesen Überlegungen nicht im Mittelpunkt.

Auch beim derzeitigen Boom der künstlichen Intelligenz widerspricht Herrmann dem verbreiteten Optimismus. Die gegenwärtige Welle großer KI-Sprachmodelle hält sie für nicht nachhaltig. Ihre Prognose fällt drastisch aus: Der Boom sei im Grunde bereits „tot“ und werde innerhalb der kommenden zwei Jahre zusammenbrechen. Damit würde allerdings eine der großen Hoffnungen auf zukünftige Produktivitätssteigerungen entfallen. Gerade künstliche Intelligenz gilt schließlich als eine Technologie, mit deren Hilfe Unternehmen trotz Arbeitskräftemangels ihre Produktivität steigern könnten. Sollte diese Entwicklung ausbleiben und gleichzeitig die Wirtschaftsleistung sinken, würde der Konflikt um die Verteilung des verbleibenden Wohlstands noch deutlicher.

Die entscheidende Frage lautet deshalb, wer das wirtschaftliche Schrumpfen letztlich tragen soll. Über weniger Fleischkonsum oder eine zusätzliche Steuer für Menschen mit Vermögen oberhalb von 100 Millionen Euro lässt sich politisch vergleichsweise konkret diskutieren. Eine schrumpfende Volkswirtschaft lässt sich jedoch nicht ähnlich präzise auf einzelne Gruppen begrenzen. Wenn weniger produziert und investiert wird, verändern sich Beschäftigung, Einkommen, Unternehmenswerte und staatliche Einnahmen. Unternehmen könnten den Rückgang über geringere Gewinne tragen, Arbeitnehmer über schwächere Lohnentwicklungen, Eigentümer über höhere Abgaben, Konsumenten über geringeres Angebot oder steigende Preise und der Staat über geringere Einnahmen. Wachstum kann solche Verteilungskonflikte zumindest teilweise entschärfen, weil ein größer werdender wirtschaftlicher Kuchen verteilt werden kann. Schrumpfung kehrt dieses Prinzip um: Es muss entschieden werden, wer welchen Anteil des Rückgangs übernimmt.

Diese Diskussion findet zudem nicht in einer Phase außergewöhnlicher wirtschaftlicher Stärke Europas statt. Der Kontinent steht gleichzeitig unter dem Druck amerikanischer Handelspolitik, russischer Aggression und wachsender chinesischer Konkurrenz. Während deshalb vielerorts darüber diskutiert wird, wie Europa produktiver, technologisch unabhängiger und international wettbewerbsfähiger werden kann, zieht Herrmann eine grundsätzlich andere Konsequenz. Sie warnt davor, Europas Situation als Untergangsszenario darzustellen. Wer vom Untergang Europas spreche, „belüge“ seine Wähler. Gleichzeitig betrachtet sie einen bewussten Rückgang der Wirtschaftsleistung nicht als eine zu verhindernde Krise, sondern als notwendigen Bestandteil der ökologischen Transformation.

Damit wird zumindest offengelegt, wie grundsätzlich die Entscheidung wäre. Klimaneutralität, steigende Sozialausgaben, höhere Verteidigungsausgaben, wachsende Einkommen, internationale Wettbewerbsfähigkeit und ein unverändert hoher privater Konsum müssen keineswegs automatisch gleichzeitig erreichbar sein. Die Idee des grünen Wachstums setzt darauf, diesen Zielkonflikt durch technologischen Fortschritt und steigende Effizienz aufzulösen. Das Konzept des grünen Schrumpfens geht den entgegengesetzten Weg: Es akzeptiert, dass weniger produziert und konsumiert werden soll. Damit handelt die Debatte nicht mehr lediglich von CO₂, Fleischkonsum, Elektroautos oder einer Vermögensteuer für Multimillionäre. Im Kern geht es um die wesentlich grundsätzlichere Frage, ob Europa zur Erreichung seiner Klimaziele dauerhaft auf einen Teil seiner Wirtschaftsleistung und damit seines materiellen Wohlstands verzichten soll – und vor allem darum, wer diesen Verzicht am Ende tatsächlich trägt.