Nachdem die Handelsgespräche zwischen Washington und Ottawa gescheitert sind, steht der kanadische Premierminister Mark Carney vor der bislang größten Bewährungsprobe seiner Amtszeit. Er hat sich als Stimme der „mittleren Mächte“ gegen die Einschüchterungspolitik von Donald Trump inszeniert und im Januar 2026 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zum Schulterschluss befreundeter Staaten aufgerufen. Doch welche konkreten Mittel stehen ihm nun zur Verfügung, um US-Präsident Donald Trump wirksam Paroli zu bieten?
Am direktesten ist die angekündigte Vergeltung nach dem Prinzip „Dollar für Dollar“: Ab dem 8. September erhebt Kanada Gegenzölle von 15, 25 oder 50 Prozent auf US-Importe im Wert von 27,6 Milliarden US-Dollar, also exakt in Höhe der amerikanischen Zölle auf vergleichbare kanadische Waren. Bemerkenswert ist die parteiübergreifende Geschlossenheit hinter diesem Kurs: Sowohl der konservative Premierminister der Provinz Ontario, Doug Ford, als auch Oppositionsführer Pierre Poilievre stellen sich hinter Mark Carneys harte Linie.
Das gewichtigste Druckmittel wäre die Energie. Kanada liefert mit täglich rund 3,9 Millionen Fässer mehr als jedes andere Land Rohöl in die USA. Außerdem versorgt es über 20 US-Bundesstaaten mit Strom im Wert von 3,3 Milliarden US-Dollar jährlich, darunter New York, Michigan und Minnesota.
Die schärfste Waffe wird noch nicht eingesetzt
Ontarios Premierminister Doug Ford droht offen damit, die Stromexporte in die USA vollständig einzustellen, und nennt auch kritische Mineralien und Treibstoffe als mögliche Hebel. Mark Carney selbst hält sich hier auffällig zurück: Er lehnt es öffentlich ab, Energie und kritische Mineralien als „Druckmittel“ zu bezeichnen, weil Kanada bestehende Handelsbeziehungen nicht gefährden wolle. Diese Zurückhaltung könnte ein Zeichen dafür sein, dass er sich die schärfste Waffe als letztes Mittel aufsparen möchte, anstatt sie vorschnell einzusetzen.
Strategisch setzt Mark Carney vor allem auf Diversifizierung. Er kündigte den Abschluss von zwölf neuen Handelsabkommen auf vier Kontinenten an, mit dem Ziel, die Exporte außerhalb der USA innerhalb eines Jahrzehnts zu verdoppeln und die Abhängigkeit vom südlichen Nachbarn zu verringern, der derzeit 75 Prozent der kanadischen Ausfuhren aufnimmt.
Ein zentraler Baustein dieser Strategie ist eine neue „strategische Partnerschaft“ mit China. Kanadisches Raps profitiert von einer Zollsenkung auf chinesischer Seite von 84 auf 15 Prozent. Im Gegenzug lässt Kanada chinesische Elektrofahrzeuge zu moderateren Bedingungen ins Land. Washington reagierte darauf mit der Drohung, Zölle von 100 Prozent zu verhängen, sollte Kanada zur Umschlagplattform für chinesische Güter werden. Daneben bleibt die vollständige Ausschöpfung des EU-Abkommens CETA eine naheliegende Option.
Kurzfristig arbeitet die Zeit jedoch für Donald Trump
Hinzu kommt die diplomatische Ebene: Carneys Davos-Rede, in der er vor einem „Bruch der Weltordnung“ warnte und mittlere Mächte zum Zusammenschluss aufrief, positioniert Kanada als moralische Gegenstimme zu Trumps Zollpolitik. Das ist ein Versuch, internationalen Druck aufzubauen, auch wenn er die USA nie namentlich nennt. Kanadas Notenbankchef Tiff Macklem verstärkt dieses Narrativ mit dem Hinweis, die USA erzielten ohne kanadische Energieexporte sogar einen Handelsüberschuss mit Kanada und unterstreicht mit seinem Argument den wirtschaftlichen Unsinn der mit der amerikanischen Zollpolitik verbunden ist.
Die Grenzen dieser Strategie sind jedoch offensichtlich: 75 Prozent der kanadischen Exporte gehen weiterhin in die USA und eine Diversifizierung über China oder die EU lässt sich nicht kurzfristig realisieren. Zudem sitzt Donald Trump aufgrund der schieren Größe des US-Marktes weiterhin am längeren Hebel.
Mark Carneys eigentliches Kapital liegt daher weniger in einzelnen Vergeltungsmaßnahmen als in der Kombination aus geschlossener Innenfront, glaubwürdiger Drohkulisse bei Energie und Mineralien sowie einer langfristig angelegten Neuausrichtung des kanadischen Außenhandels.