Der schleichende Vertrauensverlust in den US-Dollar stützt das Gold

Im ersten Teil dieser siebenteiligen Serie ging es um die kurzfristige Wirkung drehender Zinserwartungen auf den Goldpreis. Im heutigen zweiten Teil wenden wir uns einem strukturellen Thema zu, das die Rolle von Gold im internationalen Finanzsystem grundsätzlich betrifft: dem allmählich schwindenden Vertrauen in den US-Dollar als die globale Leit- und Reservewährung der Welt.

Eine über Jahrzehnte gewachsene Dominanz gerät unter Druck

Der US-Dollar bildet seit dem Zweiten Weltkrieg das Rückgrat des internationalen Handels- und Finanzsystems. Rohstoffe, allen voran das Öl, werden überwiegend in Dollar fakturiert, Zentralbanken halten den Großteil ihrer Devisenreserven in US-Staatsanleihen und ein Großteil der globalen Kreditvergabe ist auf US-Dollar-Basis organisiert.

Diese Dominanz beruht jedoch nicht auf einem unumstößlichen Naturgesetz, sondern letztlich auf Vertrauen. Vertrauen in die Stabilität der US-Institutionen, in die Verlässlichkeit amerikanischer Geldpolitik und in die Werthaltigkeit von US-Staatsanleihen. Ist dieses Vertrauen nicht mehr gegeben, beginnt umgehend die Suche nach Alternativen und innerhalb der möglichen Alternativen nimmt das Gold eine führende Stellung ein.

Genau dieses Vertrauen zeigt in jüngerer Zeit Risse. Geopolitische Spannungen, etwa im Nahen Osten, sowie eine als unberechenbar wahrgenommene US-Außen- und Handelspolitik tragen ebenso dazu bei wie die schiere Größe der amerikanischen Staatsverschuldung, auf die wir in einem späteren Teil dieser Serie noch ausführlich eingehen werden.

Hinzu kommt ein Präzedenzfall, der Notenbanken weltweit im Gedächtnis geblieben ist: das Einfrieren russischer Zentralbankreserven im Umfang von rund 300 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022. Dieser Schritt hat vielen Ländern vor Augen geführt, dass in US-Dollar oder Euro gehaltene Reserven politisch angreifbar und damit gefährlich sind.

Warum Gold von dieser Entwicklung profitiert

Gold besitzt in diesem Zusammenhang eine besondere Eigenschaft: Es ist, sofern physisch im eigenen Land gelagert, keiner fremden Rechtsordnung unterworfen und kann nicht per Dekret eines anderen Staates eingefroren oder beschlagnahmt werden. Zudem wohnt dem Gold kein Ausfallrisiko inne, weil es keine Forderung gegenüber einem Schuldner darstellt.

Dieser Aspekt unterscheidet das Gold fundamental von jeder noch so „sicheren“ Staatsanleihe. Für Notenbanken, die ihre Reserven diversifizieren und unabhängiger von einzelnen Währungsräumen machen wollen, ist das Gold damit eine naheliegende Alternative zum US-Dollar.

Diese Überlegung spiegelt sich bereits in Umfragen wider: Der „Central Bank Gold Reserves Survey 2026“ des World Gold Council zeigt, dass 89 Prozent der befragten Reserveverwalter davon ausgehen, dass die weltweiten Goldbestände der Notenbanken innerhalb der kommenden zwölf Monate weiter steigen werden.

Bemerkenswert ist zudem, dass 74 Prozent der Befragten erwarten, dass der Anteil des US-Dollars an den globalen Währungsreserven in den kommenden fünf Jahren weiter sinken wird, während 84 Prozent der Befragten von einer weiter wachsenden Bedeutung des Goldes in den Reserveportfolios ausgehen.

Ein langsamer, aber strukturell angelegter Prozess

Wichtig ist die richtige Einordnung dieser Entwicklung: Es handelt sich nicht um einen abrupten Bruch, der quasi über Nacht umgesetzt wird, sondern um eine schrittweise Neuausrichtung der Reservepolitik der Notenbanken, die sich über viele Jahre hinweg vollzieht.

Der US-Dollar bleibt auf absehbare Zeit die dominante Reservewährung, denn es gibt schlichtweg keine Alternative, die in einer vergleichbaren Größenordnung zur Verfügung steht. Weder der Euro noch der chinesische Yuan können diese Rolle kurzfristig übernehmen. Doch am Rand und in Form einer allmählichen Diversifikation weg von reinen US-Dollar- und westlichen Anleihepositionen hin zu Gold, entfaltet dieser Vertrauensverlust eine strukturelle Nachfrage, die unabhängig von kurzfristigen Zinsentscheidungen wirkt.

Diese strukturelle Goldnachfrage ist auch der Grund, warum viele Marktbeobachter der langfristigen Goldpreisentwicklung viel optimistischer gegenüberstehen als den kurzfristigen Kursbewegung einer einzelnen Handelswoche.

Im dritten Teil dieser Serie schauen wir uns genauer an, welche Notenbanken tatsächlich Gold kaufen und wie sich das Bild in den vergangenen Monaten verschoben hat.