Im vergangenen Jahr verzeichnete Deutschland 242 Stunden mit negativen Strompreisen. Solche Phasen treten auf, wenn an der Strombörse zeitweise mehr Strom angeboten als nachgefragt wird. Die Zahl ist deshalb weniger eine Besonderheit des Börsenhandels als ein Hinweis darauf, wie sich das deutsche Stromsystem verändert hat.
So wird die Energiewende schwierig
Der Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen hat die Stromerzeugung in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Gleichzeitig halten Netze, Speicher und flexible Verbrauchsmöglichkeiten mit dieser Entwicklung vielerorts nicht Schritt. Kann der erzeugte Strom weder unmittelbar genutzt noch ausreichend transportiert werden, sinkt der Börsenpreis bis in den negativen Bereich. Überschüssige Energie wird dann zum Problem des Systems und nicht zu einem Vorteil für Verbraucher.
Davon profitieren Unternehmen und private Haushalte kaum. Zwischen dem Preis an der Strombörse und der Stromrechnung liegen Netzentgelte, Steuern und weitere Abgaben. Während der Großhandel zeitweise negative Preise verzeichnet, bleiben die Endkundenpreise hoch. Gerade für energieintensive Unternehmen entsteht daraus ein Widerspruch: Trotz zeitweiliger Stromüberschüsse zählt Deutschland weiterhin zu den Ländern mit hohen Energiekosten.
Die Debatte über die Energiewende konzentriert sich häufig auf zusätzliche Erzeugungskapazitäten. Die Entwicklung der vergangenen Monate zeigt jedoch, dass der Ausbau der Infrastruktur zunehmend an Bedeutung gewinnt. Ein Stromsystem benötigt nicht nur ausreichend Erzeugung, sondern ebenso leistungsfähige Netze, Speicherkapazitäten und flexible Nachfrage. Fehlt einer dieser Bausteine, entstehen Marktverwerfungen, obwohl genügend Strom vorhanden ist.
Die 242 Stunden mit negativen Strompreisen stehen deshalb vor allem für den Übergang in eine neue Phase der Energiewende. Nicht mehr die Stromproduktion allein entscheidet über die Leistungsfähigkeit des Systems, sondern die Fähigkeit, die erzeugte Energie zur richtigen Zeit am richtigen Ort bereitzustellen. Bitter, meinen Kritiker.