Tod von palästinensischem Minister: Ohne weltweite Verurteilung

Ziad Abu Ein, Minister für die illegalen Siedlungsangelegenheiten der Palästinensischen Regierung, bezahlte  am 10.12.14 den höchsten Preis für seinen Einsatz gegen die illegalen Siedlungen in Palästina. Etwa 150 Menschen, darunter Bauern aus dem Dorf Turmus Aya und Friedensaktivisten aus aller Welt, wollten den „Internationalen Tag der Menschenrechte“ nutzen, um auf ihre Felder ausserhalb des Dorfes zu gelangen. Der Grund weshalb Ziad Abu Ein in seiner Position als Minister für die illegalen israelischen Siedlungen an diesem Marsch teilnehmen wollte, war die Angst der Bauern vor den gewalttätigen israelischen Siedlern die die illegale Siedlung Adei Ad (hier der Link zu einer Studie zu genau dieser illegalen Siedlung, wie sie von der israelischen Regierung gezielt eingesetzt werden um palästinensisches Land zu enteignen) zwischen den Feldern der Bauern aus Turmus Aya und dem Dorf selbst errichtet haben, und von dort immer wieder Bauern angegriffen haben die ihre Felder bestellen wollten. Mit nichts weiter als Fahnen und jungen Olivenbaumsetzlingen ausgestattet, setzte sich die Gruppe in Richtung der Felder in Bewegung. Es sollte der letzte Marsch von Minister Ziad Abu Ein in seinem Leben werden.

Noch bevor sie die Felder erreichen konnten, stand bereits das israelische Militär vor der illegalen Siedlung Adei Ad und schoss israelischen Augenzeugenberichten zufolge sofort Blendgranaten und Tränengas auf die Palästinenser, um sie zur Rückkehr zu zwingen. Nachdem sie sich aber davon nicht einschüchtern liessen und vor den israelischen Soldaten standen, forderte die Gruppe die Soldaten auf den Weg freizumachen und sie zu ihren eigenen Feldern durchzulassen. Man sieht auf einem Video wie ein alter Mann einfach versucht durch den Ring der Soldaten durchzulaufen, und wie er dann brutal auf den Boden geschmissen wird. Als sich dieser wieder aufrappelte, nahm er seine Fahne vom Boden auf und schlug damit auf die Soldaten ein.

Daraufhin mischte sich Minister Ziad Abu Ein und diskutierte mit den Soldaten. Offensichtlich muss das Gesagte nicht gut bei den Soldaten angekommen sein, denn einer aus der für ihre ausserordentliche Brutalität (so brutal dass es sogar einen Eintrag bei Wikipedia darüber gibt) gefürchteten Border Patrol Einheit (Grenzpolizei) griff Abu Ein an den Hals und würgte ihn für einen Moment. Zuvor muss ein anderer Soldat gemäss Aussage eines AFP-Photografen mit seinem Gewehrkolben gegen die Brust des Ministers geschlagen haben.

Kurz bevor Ziad Abu Ein bewusstlos zusammensackte, gab er einem TV-Sender ein Interview über die gerade erlebten Szenen. Man kann gut erkennen dass er grosse Mühe hatte zu sprechen und zu atmen, so als ob er noch die letzten Sätze unbedingt loswerden wollte:

„Das ist der Terrorismus der Besatzung, das ist eine terroristische Armee die ihren Terror am palästinensischen Volk ausübt. Wir sind gekommen um Bäume auf palästinensischem Land zu pflanzen und sie griffen uns vom ersten Moment an. Niemand hat auch nur einen einzigen Stein geworfen.„

Abgesehen davon dass der Mann der Border Patrol der den Minister gewürgt hat kein unbeschriebenes Blatt ist, stellt sich schon die Frage was eine Einheit der Grenzpolizei mitten im palästinensischen Gebiet zu suchen hat, wo es weit und breit keine Grenzen gibt. Der einzige Grund ist der, dass sie noch rücksichtsloser gegen die wehrlosen Menschen vorgehen als es die Soldaten der IDF (Israel Defence Force) tun, die immerhin zumindest auf dem Papier genaue Verhaltensregeln für die Ausführung ihrer Besatzungstätigkeit haben.

                             Karte von Google Maps zeigt das Dorf Turmus Aya mitten im palästinensischen Gebiet

Aufgrund der Tatsache dass dieser Vorfall ein Todesopfer zur Folge hatte welchen nicht einmal Israel einfach so unter den Teppich kehren kann, gab das israelische Militär eine Erklärung aus wo man die „Umstände“ die zum Tod von Ziad Abu Ein geführt haben untersuchen möchte.

Interessant dabei ist wie die israelische Armee die Gruppe von unbewaffneten Bauern und Friedensaktivisten bezeichnet hat: als Randalierer!

Damit soll der Eindruck erweckt werden, dass sich die Soldaten der Situation entsprechend verhalten haben und nur zum Schutz des eigenen Wohlergehens zu drastischeren Mitteln wie Tränengas, Blendgranaten oder direkte Gewaltanwendung greifen musste.
Auch wenn man angesichts der Videoaufnahmen eindeutig sehen kann dass die Palästinenser mit nichts anderem als Fahnen und Olivenbäumchen ausgestattet waren, müsste man der Meinung sein dass der Versuch der Realitätsverdrehung zum Scheitern verurteilt ist.

Verfolgt man aber die deutschsprachige Berichterstattung, halten sich die Medien an die Version der Presseerklärung der israelischen Armee. Bei der Tagesschau liest man bloss von einer „Konfrontation“ und dass Abu Ein Tränengas eingeatmet haben soll. Kein Wort von der Würgeattacke des „Grenzpolizisten“.
Auch Spiegel Online berichtet lediglich von einem „Konflikt mit israelischen Soldaten“ und von einer „Auseinandersetzung“, kein Wort von der Würgerei oder was da genau passiert ist.
Deutsche Welle spricht sogar von „Ausschreitungen“.
Einzig Focus Online wagte es etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen und berichtete über die Würgeattacke und etwas mehr über die Umstände.

Man merkt also schnell wie die Tatsachen verdreht werden und das Narrativ des gewalttätigen Palästinensers genährt werden soll, indem die wichtigsten Details ausgelassen werden und es darstellt, als ob er schon fast selbst schuld an seinem Tod ist wenn er an „Ausschreitungen“ und „Auseinandersetzungen“ mit der israelischen Armee teilnimmt.

Entsprechend ist die internationale Reaktion äusserst lau ausgefallen. Aus Brüssel hiess es, dass „die Berichte über exzessive Gewaltanwendung durch israelische Sicherheitskräfte äusserst besorgniserregend“ wären, und eine „unabhängige Untersuchung“ zum Tod des Ministers stattfinden soll.  Aus Berlin stammt wohl die zynischste Erklärung:

„Der tragische Tod von Ziad Abu ein im Westjordanland ist ein neuer Tiefpunkt in den seit Wochen anhaltenden Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern. Es ist jetzt wichtig, dass die Umstände seines Todes schnell, umfassend und für alle nachvollziehbar aufgeklärt werden. Sollten sich Hinweise auf Fehlverhalten ergeben, müssen hieraus Konsequenzen gezogen werden.„

Hinweise auf Fehlverhalten? Konsequenzen gezogen werden? Wie hätte man in Berlin, oder auch in Washington, London, Paris oder Brüssel reagiert, wenn sich genau der selbe Vorfall in Israel ereignet hätte und ein israelischer Minister auf diese Weise gestorben wäre? Hätte man dann auch lediglich Konsequenzen gefordert, aber selbstverständlich erst nachdem es Hinweise auf Fehlverhalten gegeben hat? Ich glaube nicht.