ISRAEL: Alarmstufe rot in Ashdod – Kein Waffenstillstand zum Weltkindertag

Von Pierre Klochendler

Ashdod, Israel, 21. November (IPS) – Weit über den Köpfen der Menschen schneidet ein israelischer F16-Kampfjet durch den Himmel über Ashdod, einer Stadt im Süden Israels. Er ist auf dem Weg in den Gazastreifen. Unten auf der Straße hört man das schrille Kreischen des Jets kaum, da es fast vollständig von einem lauten Alarm übertönt wird. Eine GRAD-Rakete ist aus dem Gazastreifen abgefeuert worden, wird allerdings vom israelischen Raketenabwehrsystem ‚Iron Dome‘ abgefangen. Am Himmel sieht man davon lediglich einen Funkenhagel.

„Ich fühle mich hier mit den Kindern nicht sicher“, sagt Elisheva Pinto am Hauptbahnhof der Arbeiterstadt. „Wir verbringen den Tag auf dem Land. Heute Abend kommen wir aber zurück – wir haben keine Verwandten, bei denen wir bleiben könnten.“ Pintos Tochter Chava ist 13, ihr Sohn Arieh elf. Gemeinsam warten sie auf einen Bus, der sie nach Jerusalem bringen soll.

Am Samstag (17. November) schlug eine Rakete aus dem Gazastreifen in ein Mietshaus auf der Independence Avenue im Stadtzentrum ein. Verletzt wurde niemand. Die Rakete traf eine Wohnung in der vierten Etage – in der Wand zum Balkon ist ein großes Loch zu sehen, das Wohnzimmer ist voller Granat- und Glassplitter. Die Verwüstungen weiteten sich sogar auf die Straße aus, wo Windschutzscheiben von Autos zerbarsten.

In der Wohnung ist das Leben der Familie, die hier noch bis vor kurzem gewohnt hat, eingefroren. Ein gerahmtes Familienportrait ist vom Esstisch gefallen, und auf einem Teller warten noch die Rest des Sabbat-Mahles: Reis, Linsen und Huhn.

Die Mieter der Wohnung wurden in ein Hotel in Ramat Gan ausquartiert, einem Vorort von Tel Aviv, 30 Kilometer nördlich von Ashdod. Während der Vermieter mit den Schadensgutachtern die Zerstörungen durchspricht, wird im Fernsehen gemeldet, dass auch Tel Aviv von einer Rakete getroffen wurde.

Treppenhaus dient als Schutzbunker

Kurz danach ertönt wieder ein Alarm der Stufe Rot. Die Gutachter und der Vermieter rennen aus der zerstörten Wohnung ins Treppenhaus, das den meisten Mietern des Hauses als Schutzraum dient. Ein paar der Bewohner bleiben in ihren eigenen Wohnungen. Seit kurzem müssen alle Wohnungen in Neubauten mit Schutzräumen ausgestattet sein.

Zwei Stockwerke weiter unten ist auch die Familie Amsaleg ins Treppenhaus geflohen. Die beiden Kinder Natanel und Ilay drücken sich in dem schwachen Licht an ihre Mutter. „Das ist doch kein Leben!“ schimpft die Großmutter Annette Belladev. Als der Alarm beendet ist, kehren die Großeltern, die Mutter und die Kinder in ihre Wohnung zurück.

Natanel hat Hunger. Er hat den ganzen Tag nichts gegessen. Jetzt schmiert er sich Frischkäse auf einen Toast. Er hat sich den ganzen Tag übergeben. Seine Mutter Dvora streicht ihm mit der Hand durchs Haar. „Alles wird wieder okay“, sagt sie. Doch schon kommt der nächste Alarm. Natanel lässt sein Brot auf den Küchentisch fallen und huscht mit seinem kleinen Bruder und den drei Erwachsenen wieder ins Treppenhaus. 30 Sekunden später hören sie weit entfernt eine Explosion. Die Luft zittert.

Am 20. November war Weltkindertag. „Ein Tag der Brüderlichkeit und der Verständigung zwischen den Kindern dieser Welt“ steht als Wahlspruch des Tages und als Hoffnung auf der offiziellen Website der Vereinten Nationen. Neben dem deutschen Außenminister Guido Westerwelle (FDP) und der US-Außenministerin Hillary Clinton ist auch UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon an diesem Tag in den Nahen Osten gereist, um die Bemühungen um einen Waffenstillstand zu unterstützen.

24 tote Kinder in einer Woche

Seit Beginn der Operation ‚Pillar of Defence‘, die Israel am 14. November gegen die Hamas im Gazastreifen startete, sind mindestens 24 palästinensische Kinder bei den mehr als 1.400 israelischen Luftangriffen ums Leben gekommen, und 200 Kinder wurden verletzt. Auf israelischer Seite ist bei den 1.200 Raketenattacken ein Kind verletzt worden.

Ashdod, 23 Kilometer von der palästinensischen Grenze entfernt, ist jeden Tag Ziel von durchschnittlich zehn Raketenangriffen aus dem Gazastreifen.

Natanel ist neun Jahre alt. Während der Alarm noch ertönt, blickt er sich verstört im Treppenhaus umher. „Deine Geburtstagsfeier holen wir nach, wenn das hier alles vorbei ist“, sagt seine Mutter. „Was wünschst du dir denn?“

„Ich wünsche mir, dass Israel alle Palästinenser tötet – auch die Kinder“, antwortet er.

Seine Mutter protestiert:

„So etwas solltest du nicht sagen. Wir alle sind Menschen. Die Araber stecken genauso fest in diesem Morast wie wir. Wir haben nicht darum gebeten und sie genauso wenig.“

Dann hören die Angriffe endlich auf. Den Rest des Tages verbringt die Familie vor dem Fernseher und guckt Nachrichten. Natanel hat Langeweile. „Ich wünschte, ich könnte zur Schule gehen oder draußen spielen. Ich will zu meinen Freunden“, sagt er. Dann schmiert er sich ein neues Toastbrot. „Wann feiern wir deinen Geburtstag nach?“ fragt Dvora. „In einem Monat, wenn der Krieg vorbei ist“, antwortet er.