Konflikt eskaliert – USA bombardieren syrisches Militär

Im syrischen Bürgerkrieg wurde eine neue Stufe der Eskalation erreicht. Was lange befürchtet wurde, wird nun Realität: Die US-geführte Koalition hat ein Militärcamp der syrischen Armee bombardiert – und riskiert damit einen internationalen Konflikt.

Das globale Konfliktpotential Syriens

Der syrische Bürgerkrieg hat in den letzten Monaten erneut an Dynamik gewonnen. Jener Konflikt, der zu Beginn des Jahres 2012 eine Revolution darstellte, sich aber schnell in einen erbitterten Krieg zwischen Regime-Anhängern, Islamisten und moderaten bewaffneten Rebellen gewandelt hatte, bei dem die Grenzen zwischen diesen Gruppierungen immer weiter verschwimmen, wurde in den letzten Wochen durch eine internationale Komponente erweitert.

Die US-geführte „Anti-IS-Koalition“ kündigte bereits vor Wochen vereinzelt an, ihre Bombardements auf irakischem Staatsgebiet auf das syrische Staatsgebiet auszuweiten. Dort besitzt der „Islamische Staat“ (IS) einige Nachschublinien, Trainingscamps und Koordinationszentren. Der syrische Staat als ganzes ist in viele Kleinteile zerfallen, die entweder vom Assad-Regime, Islamisten verschiedener Coleur oder moderaten Rebellen kontrolliert werden.

Vor einigen Wochen kam auch Russland hinzu, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin ankündigte, seinem Verbündeten Assad auch militärisch beizustehen. Seitdem unterstützt das russische Militär die syrische Armee mit Ausbildern und moderner Ausrüstung. Außerdem fliegt es Luftangriffe auf den IS und anderen Rebellengruppen.

Diese Komponente beinhaltet ein enormes Konfliktpotential, wie sich nun zeigte. Denn die einzelnen internationalen Parteien sind nicht auf einander abgestimmt, sondern verfolgen Einzelinteressen, die sich in großen Teilen gegenseitig widersprechen. So besteht das Hauptziel der USA, Türkei sowie Saudi-Arabiens darin, Das Baath-Regime in Syrien zu stürzen. Der Kampf gegen den IS ist da eher nebenrangig. Russland will das Assad-Regime wiederum an der Macht halten und bombardiert deswegen zwar den IS, doch auch andere weniger exremistische Rebellengruppierungen.

US-Bomben treffen syrischen Militärstützpunkt

Nun sind diese machtpolitischen Militärstrategien das erste mal aufeinandergeprallt. In der syrischen Region Deir Ezzor flogen offenbar Bomben der US-Airforce auf ein Militärcamp der syrischen Armee des Assad-Regimes. Die Region, die oftmals auch Deir al-Zor genannt wird, befindet sich in klarer Hand des IS. Vor kurzem zerstörte das US-Militär nach eigener Angabe dort 116 Tanklaster, wie mehrere Medien berichteten.

Doch mit dem Auswahl der Ziele nimmt man es offenbar nicht so genau. Wie die 104. Brigade der Republikanischen Garde der Syrian Arab Army’s (SAA) mitteilte, griffen US-Amerikanische und arabische Luftstreitkräfte ein Militärcamp der 137. Artillerie Brigade der SAA an, das sich im Nordsyrischen Dorf Ayyash befindet. Dabei soll mindestens ein Soldat sofort ums Leben gekommen sein, sechs weitere würden sich in Lebensgefahr befinden, darunter ein Offizier der syrischen Armee. Andere Quellen sprechen von mehr Toten und mehr Verwundeten.

Ein Sprecher der syrischen Regierung behauptete am Montag:

„Der Luftangriff hat ein Munitionsdepot getroffen, dass der syrischen Armee in Deir Ezzor gehört. Laut unseren Informationen sind drei Soldaten getötet worden, 13 wurden verletzt. Drei gepanzerte Fahrzeuge und vier Militärfahrzeuge wurden auch zerstört. Das war das Werk der von den USA angeführten Koalition.“

Das syrische Außenministerium hat daraufhin offiziellen Protest beim UN-Sicherheitsrat eingereicht, mit dem Hinweis, insgesamt hätten neun Raketen auf das Militärlager getroffen:

„Syrien verurteilt aufs schärfste den Akt der Aggression durch die von den USA angeführte Koalition, welche die UN-Charta und die darin enthaltenen Ziele und Prinzipien verletzen. Das Aussenministerium hat einen Brief dem UN-Generalsekräter und dem UN-Sicherheitsrat übergeben.“

Die 137. Brigade der SAA ist vornehmlich für den Schutz der Zivilbevölkerung vor den Milizen des IS verantwortlich. Sie hat vor ziemlich genau einem Jahr verhindert, dass eine Gruppe von IS-Terroristen über die nördliche Flanke der Stadt in die Hauptstadt der Provinz eindringt. (siehe Foto) Die Luftangriffe auf die SAA schwächen ihre Position in dieser Funktion erheblich.

Ob der Angriff unwissentlich oder in purer Absicht erfolgte, um das syrische Regime strategisch zu schwächen, ist nicht geklärt. Eine Aufklärung des Vorfalls wird nur schwer durchführbar sein, wenn man bedenkt, dass die USA selbst eine Vetomacht im UN-Sicherheitsrat sind, und zwei weitere Vetomächte Teil der US-Koalition sind.

Quellen

Fadel, Leith: „US-Led ISIS Coalition Hits a Syrian Army Camp in Deir Ezzor: 1 Soldier Killed„, in: Almas dar news, 06. Dezember 2015.
CBS News, „U.S. rejects Syrian claim state forces were targeted„, in: CBSNews, 07. Dezember 2015.
RussiaToday, „Syria slams US-led coalition deadly strike against troops as ‚act of aggression‘„, in: Russia Today, 07. Dezember 2015.