Gas im Winter: Für einen normalen Winter reicht es, aber wenn es kalt wird, wird es eng

Deutschlands Gasspeicher sind zu Beginn der Heizperiode so niedrig gefüllt wie noch nie seit Beginn vergleichbarer Aufzeichnungen. Die Behörden sehen dennoch keine Gefahr, während Kritiker davor warnen, dass es im Februar und März eng werden könnte, weil alles auf Kante genäht ist.

Die Lage ist an dieser Stelle eindeutig und sie ist alles andere als wohnlich und behaglich. Ende September waren die deutschen Gasspeicher nur zu rund 57 Prozent gefüllt, am 13. Oktober zu 60,3 Prozent. Mitte September waren es 55,6 Prozent, ein Jahr zuvor etwa 74 Prozent. Gesetzlich sollen die Speicher bis zum 1. November zu 80 Prozent gefüllt sein, für sechs Porenspeicher gilt ein abgesenktes Ziel von 45 Prozent. Laut Branchenberichten wird das Hauptziel in diesem Jahr verfehlt.

Seit dem Iran-Krieg sind die Gaspreise hoch und die Straße von Hormus ist seit März faktisch gesperrt oder zumindest stark eingeschränkt. Aus Katar kamen vor dem Krieg 12 bis 14 Prozent des europäischen Flüssigerdgases. Aktuell kommt so gut wie nichts mehr und auch nach dem Krieg wird zunächst nicht viel kommen können, denn die Anlage Ras Laffan wurde nach Angaben von QatarEnergy durch einen iranischen Raketenangriff schwer beschädigt. Sie muss erst einmal repariert werden, was Monate wenn nicht sogar Jahre in Anspruch nehmen wird.

Für private Händler lohnte es sich im Sommer nicht, teures Gas einzulagern, weil der Preisabstand zwischen Sommer und Winter zu ungünstig war. Die Folge ist ein extrem niedriger Füllstand der Gasspeicher, der Behörden, Bevölkerung und Industrie gleichzeitig auf einen milden Winter hoffen lässt, der eher als ein kühler Sommer daherkommt.

Zwei Lesarten der aktuellen Situation

Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller erklärte am 1. Oktober: „Die Versorgung ist gesichert.“ Ein normaler Winter einschließlich kalter Januartage sei mit den aktuellen Ständen zu bewältigen, die Speicher seien dann am Winterende allerdings sehr niedrig. Die Initiative Energien Speichern (INES) warnt hingegen, in einem strengen Winter könne die Lage kritisch werden. Der Energieexperte Fritz Vahrenholt bezeichnet Klaus Müllers Aussage als „Wunschdenken“ und erwartet schon in einem normalen Winter im Februar Schwierigkeiten, weil die Einspeicherung von nun an kaum noch weitere Prozentpunkte bringe, weil die Heizperiode beginnt und die Befüllung der Speicher mit der beginnenden Entnahme konkurriert.

Der Spielraum ist rechnerisch in der Tat sehr schmal. Im vergangenen Winter wurden 134 Terawattstunden entnommen und Mitte September lagen bei einem Füllstand von rund 55 Prozent 136 Terawattstunden in den Speichern. Bei gleicher Entnahme wie in den Vorjahren bliebe bei gut 60 Prozent Füllstand wie aktuell am Ende der Heizperiode nur noch ein einstelliger Prozentwert als Reserve in den Speichern übrig.

Staat greift ein und die Industrie trägt das Risiko

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche wies das Staatsunternehmen Sefe am 30. September an, bis zum 15. Dezember acht Terawattstunden zu beschaffen und diese in die Speicher einzulagern. Die geplante nationale Gasreserve von 24 Terawattstunden greift noch nicht. Sie entsteht erst ab 2027.

Kommt es zur Notfallstufe, mutiert die Bundesnetzagentur zum Bundeslastverteiler. Haushalte, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen sind geschützt. Aber bei der Industrie entscheidet die Behörde von Fall zu Fall. Feste Abschaltreihenfolgen gibt es nicht.  Was das für die Unternehmen bedeutet, ist klar: Die Betriebe tragen das Risiko, ohne die Reihenfolge zu kennen.