Kommentar: Was kommt nach den Tugenden?

Tugenden sind passé, Werte auch; kaum jemand spricht noch von ihnen, weil sie weder im privaten noch im öffentlichen Bereich eine nennenswerte Rolle mehr spielen. Tut es jemand dennoch, dann klingen seine Worte oft merkwürdig leer und hohl.

Vorbei die Zeiten, als eine Hildegard von Bingen, damit Liebe geschehen könne, Demut anmahnte, dass ein Parzival vorbildhaft eine schier unglaubliche Ausdauer in seiner Suche nach dem Gral bewies oder Conrad Ferdinand Meyer in Die Füße im Feuer den Burgherrn ein Sich-selbst-Zurücknehmen zeigen ließ, wie man es sich so sehr bei gewissen Politikern auch einmal wünschte.

Letztere bemühen sich kaum mehr um Tugenden, kein Zufall, wenn man weiß, dass sich Tugend etymologisch von taugen ableitet.

Angela Merkel, noch nie ein Paradebeispiel für Emotionalität und menschlich anspruchsvolles Bewusstsein, ist das alles schon lange egal. Sie sagt es nur nicht; mittlerweile kaschiert sie es nicht einmal mehr. Vermutlich ist sie selbst erstaunt, wie wenige wirklich wahrnehmen wollen, dass sie nicht nur an Tugenden und Werten, sondern überhaupt an Deutschland schon lange nicht mehr interessiert ist (wenn sie es denn jemals war).

Sie führt das Land wie andere eine Lidl-Filiale. Wenn sie über die Toten der Terroranschläge spricht, könnte sie genauso auch von ihrem Badezimmerspiegel sprechen. Das weiß sie; sie will deshalb auch gar nicht mehr, als in solch einem Fall höchstens noch ein bisschen gedämpft-phlegmatischer wirken; das muss genügen. Vor zehn Jahren hätte sie vielleicht noch einen Coach genommen, um besser rüberzukommen. Aber mittlerweile ist diese vermeintliche Schwäche zu einer gesellschaftlich akzeptierten Norm geworden.

Wahlen gewinnt man ohne Primärtugenden bzw. Werte wie Einfühlungsvermögen, Mitgefühl oder Zuhören-Können. Im Gegenteil sind sie eher hinderlich. Schön, wenn der Konkurrent über sie spricht; es ist sein direkter Selbst-Kick ins Abseits der Gesellschaft. Die nämlich mag dieses christliche Gedöns nicht mehr hören.

Das Merkel-Gauck-Niveau zeigt Wirkung.

Noch nie hat ein Ex-Geistlicher wie unser Bundespräsident einstmals beruflicherweise so hehr gepredigte Werte so unverhohlen nicht angesprochen. Da, wo er in deren Nähe gelangen musste – in Weihnachts-Ansprachen ließ sich das als Schluss-Floskel kaum umgehen -, wirkten seine Mundmuskelstülpungen so gekünstelt, dass ich meinte, jeder müsse die sich auch physisch offenbarende Form von Entgleisung erkennen. Dem war offensichtlich nicht so.

Viele Deutsche hätten die Gaukelsche Werte-Seichtigkeit gern weiter ertragen. – Ich persönlich hätte fast ein Kreuz schlagen wollen, fünf weitere Jahre Scheinheiligkeit nicht mehr ertragen zu müssen.

Noch sind wir nicht so weit, dass wir auf Trump-Niveau absacken, aber das kommt noch. Die Trumps unserer Zeit sind diejenigen, die mit 18 ihr geistiges Reifen eingestellt haben und auf diesem Niveau Wähler sammeln. Das gelingt, es gibt schließlich genug kleine Trumps, ein sich ständig erweiterndes Wähler-Reservoir.

Nicht nur in Amerika, auch bei uns, nur dass sie häuslicherseits noch keine Schusswaffen horten dürfen. Aber versteckte Waffen gibt es genug; schließlich gibt es die (as)sozialen Netzwerke, echte Alternativen zur Kernkraft. Was immer da in Zukunft in die Luft geht – es wird sich zeigen, was verheerender ist, Hass oder Radioaktivität. Vielleicht und vermutlich kommt es auf das Gleiche raus.

Woran das liegt? An einem Prozess, den wir gar nicht so recht als Gesellschaft mitbekommen haben.

Zu sehr haben wir uns daran gewöhnt, dass Buchstaben auch ohne Geist gesprochen und geschrieben werden können. Zudem ist Geist so schön beliebig. So schön flüchtig. Und lässt sich so gut mit Intelligenz verwechseln. Warum sich um etwas bemühen, was mit Geld nicht zu kaufen und nicht börsennotierbar ist?

Betrug ist heute ein Markenzeichen

Zu sehr auch haben wir uns an die Verlogenheit öffentlichen Redens gewöhnt. Wer weiß es nicht, dass Wahlen zugleich Verfallsdaten von Politikerworten sind. Niemand entschuldigt sich mehr, wenn er etwas gesagt hat, was er nicht einhält. Das ist akzeptierte gesellschaftliche Realität.

Betrug ist heute ein Markenzeichen; Betrug qualifiziert, ist eine Form der Selbstauszeichnung und gilt für Uli Hoeneß wie für VW. Wenn man bedenkt, wie viele Milliarden ein einziges Unternehmen für Strafzahlungen locker machen kann, dann hungern noch viel zu wenig Menschen auf der Welt! Um wie viel besser könnte es Aktienbesitzern noch gehen! – Da ist noch viel Spielraum.

Solche Räume braucht unsere Dämokratie.

Welche Auswirkungen diese Entwicklung hat, weiß keiner so recht. Spürbar ist nur ein allgemeines und deutliches Unwohlsein. Das aber lässt sich bestens auf die Flüchtlinge zurückführen.

Bisher funktioniert ebenfalls gut, dass eine zunehmend verarmende Mittelschicht den Reichtum der Reichen bejubelt und glaubt, dass man das Griechenland-Desaster für immer aufschieben und Deals mit einem erdogastischen Islamokraten ohne Folgen abschließen könne, weil alles irgendwann am Horizont wie von selbst nach hinten runterfällt (falls das nicht klappt und Merkel noch immer nicht in Rente ist, verlängert sie einfach nochmal die Kredite; die SPD macht das auf jeden Fall mit und die meisten aus der CDU/CSU schon auch noch mal – nochmal geht noch).

Ein Herakles ist nicht in Sicht und

Augias ist mittlerweile überall!

Das war mal anders. Deutschland hatte einstmals eine Größe, die nicht auf dem Euro und seiner Außenhandelsbilanz basierte. Aber davon wissen nur noch wenige und die sterben langsam aus.

Jedes Volk hat seine Aufgabe. Völker sind wie Sterne und Kometen am Himmel. Manche verzischen recht schnell, manche sind überdauernder. Das ist wie mit uns Menschen. Manche leben kurz, manche länger. Ihr Wert bemisst sich heuer an der Anzahl der abgeschlossenen Versicherungen.

So scheint es.

Und unsere Gesellschaft legt zunehmend Wert darauf, sich in diesem Schein zu sonnen.

Nur ehrlich: Dass es den Tugenden mal wie dem Schlecker-Imperium oder Lehman Brothers gehen könnte, hätte ich nicht gedacht. Ich dachte tatsächlich, Tugenden seien eine richtige Bank und dauerhafter als Kosmetik.

Immerhin haben sie sich ja auch, seit Aristoteles so dezidiert über sie geschrieben hat, ganz ordentlich gehalten, 2300 Jahre.

Dass sie nun aber binnen so kurzer Zeit sowas von weg vom Fenster sind: Ich gestehe, das macht mich schon ein wenig fassungslos.

Gibt es Hoffnung?

Entwicklung verläuft in Wellen, auch wenn wir alles gern linear hätten. Und bisweilen dienen Tiefpunkte dazu, ein Sich-neu-Besinnen einzuleiten – zumindest bei denen, die dazu bereit sind. Vielleicht bedürfen unsere Tugenden und Werte einer neuen Justierung und der Erkenntnis, dass sie in der Realität noch nie wirklich einer überzeugenden Tugendhaftigkeit genügten.

Viel zu vieles ist in unserer Zeit schrecklich abstrakt geworden, leblos, hohl. Erschreckenderweise zählt auch die Liebe dazu.

Mit wir sollten, wir müssten ist nichts getan. Das ist elterlicher und Lehrer-Lämpel-Zeigegestus. – Sparen wir uns Appelle.

Wählen wir uns eine Tugend. – Und füllen sie mit Leben. – Ganz bewusst.

Mit UNSEREM Leben.

Dann die nächste . . . ohne darauf zu gucken, was die anderen machen . . . jeder eigenverantwortlich.

Ich glaube, Wertvolleres und Tauglicheres kann niemand für die Gesellschaft tun, in der er lebt.

So könnte der Weg sein.