Kommentar: Weltenbrand

Die Zeiten werden härter

Die Zeit schreibt es, Spiegel Online schreibt es und etliche andere schrei­ben es ab – oder schreiben es auch: Die Zeiten werden härter. Auch für uns in Deutschland. Finanz- Banken- und Staats­schul­den­kri­se einer Lösung ferner denn je, wirt­schaft­li­che Not und soziales Elend, Korruption und Lobby­ismus aller­orten auf dem Vor­marsch. Kriege, Bürger­kriege, Banden­terror fast über­all auf der Welt, in Nahost und Afrika, im Vorderen Orient, in Mittel­amerika und Teilen Süd­amerikas und Asiens und inzwi­schen auch wieder in Europa.

Die Folge sind Flücht­lings­ströme in der Dimen­sion von Völker­wande­run­gen. Kriegs­ge­schrei und der Ruf nach Auf­rü­stung hallt durch die Welt, zuneh­mende soziale Un­ru­hen sogar in den angeb­li­chen Wohl­stands­ge­sell­schaf­ten der USA und Europas. Menschen sind ver­zwei­felt und bekämpfen sich er­bit­tert, fallen über­ein­an­der her und schlachten ein­ander ab für ein Stück Brot, ein Stück Land, eine Frau, im Namen Gottes oder im Namen der Ehre. Ja, es stimmt wohl: Die Zeiten werden unge­müt­licher. Aber warum eigent­lich?

Die Perpektive der Vernunft

Bleibt man bei der Betrach­tung all dieser Phänomene der Frosch­per­spek­ti­ve ver­haf­tet, so wird man sich rasch in einer Fülle von Einzel­ur­sa­chen und Wider­sprüchen ver­lie­ren. Von der über­ge­ord­ne­ten Warte einer über­par­tei­li­chen Welt­ver­nunft aus be­trach­tet hin­ge­gen lässt sich rasch fest­stel­len, dass all diese Kon­flik­te und Krisen völ­lig über­flüs­sig sind. Wissen, Tech­no­lo­gie und Res­sour­cen sind in aus­rei­chen­dem Maße vor­han­den, um allen Men­schen auf der Welt eine aus­kömm­li­che Existenz zu gewähr­lei­sten und ihnen die Be­frie­di­gung ihrer grund­le­gen­den Be­dürf­nis­se und sogar noch einiges darüber hinaus zu ermög­li­chen. Ledig­lich, was das Bevöl­ke­rungs­wachs­tum und die sich daraus erge­ben­den Wei­te­run­gen wie Klima- und Umwelt­schutz an­be­langt, ist so all­mäh­lich tat­säch­lich das Ende der Fah­nen­stan­ge er­reicht und Gefahr im Verzuge.

Was die übrigen grund­sätz­li­chen Pro­ble­me an­be­langt, so beru­hen sie einzig und allein auf der Un­fä­hig­keit oder dem Un­wil­len der Men­schen und ins­be­son­de­re ihrer Eliten, Maß zu halten und die rechte Balance zu wahren, für einen fairen Inter­es­sen­aus­gleich zu sorgen im Span­nungs­feld der grund­le­gen­den mensch­li­chen An­trie­be, wel­che ebenso das Handeln des Ein­zel­nen wie der Ge­sell­schaft be­stim­men, näm­lich der An­ti­po­den Angst und Gier, Ego­is­mus und Alt­ru­is­mus, Be­sit­zen und Tei­len, des Bedürf­nis­ses nach Ab­gren­zung und des­je­ni­gen nach Nähe.

Uni­po­la­re oder mul­ti­po­la­re Welt­ord­nung

Das Problem ist: Es scheint niemanden zu geben, der in der Lage wäre, diese über­par­tei­li­che Warte der Welt­ver­nunft ein­zu­nehmen. Über­le­gun­gen und Versuche hierzu hingegen gibt es sehr wohl. Nach dem um das Jahr 1990 herum er­folg­ten Zu­sam­men­bruch der im we­sent­li­chen bi­po­la­ren Welt­ord­nung mit dem West­block auf der einen und dem Ost­block auf der an­de­ren Seite (die übrige Welt war Ein­fluss­sphäre dieser bei­den Macht­blöcke) kon­kur­rie­ren die Idee einer uni­po­la­ren Welt­ord­nung unter der Führung (der Eliten) der einzig ver­blie­be­nen Super­macht USA sowie die Idee einer mul­ti­po­la­ren Welt­ord­nung unter dem Dach der Ver­ein­ten Na­tio­nen mit­ein­an­der.

Erstere Idee wurde vom ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten George Bush sen. 1991 for­mu­liert und wird seither in der west­li­chen He­mi­sphä­re und dar­über hin­aus bis weit hin­ein in die Sphäre der neu­tr­alen und block­fre­ien Welt um­ge­setzt, letz­te­re ent­stammt Über­le­gun­gen, die man nach dem ersten Welt­krieg an­stell­te und die in der Grün­dung des Völ­ker­bun­des mün­deten sowie aus der Neu­be­wer­tung dieser Idee nach dem Ende des 2. Welt­krie­ges, als man ein Up­grade des Völ­ker­bun­des in Ge­stalt der Ver­ein­ten Natio­nen in­stal­lier­te. Im Kal­ten Krieg des Ost-West- Kon­flik­tes und in den Wir­ren nach dem Ende dieses Kon­flik­tes trat die Idee vor­über­gehend in den Hin­ter­grund und kon­sti­tu­iert sich derzeit neu im Umfeld des Zu­sam­men­schlus­ses der BRICS- Staa­ten (Russ­land, China, Indien, Bra­si­lien, Süd­afri­ka) sowie der AIIB (Asien- Ent­wick­lungs­bank).

Jedem vernünf­ti­gen und un­vor­ein­ge­nom­me­nen Beob­ach­ter dürfte klar sein, dass eine multi­polare NWO den Menschen, Völkern und Staaten mehr und bes­sere Mög­lich­kei­ten der Ein­fluss­nah­me, der Mit­spra­che, der In­te­res­sen­wah­rung und des In­ter­es­sen­aus­gleichs bieten kann als eine uni­polare NWO unter Führung der Eliten nur einer ein­zi­gen Super­macht.

Diese Ver­mu­tung bestätigt sich rasch, wenn man darüber hinaus auf die Ent­wick­lung der Welt in den ver­gan­ge­nen 25 Jahren blickt, in denen die Durch­set­zung der uni­polaren NWO unter Führung der USA be­trie­ben wurde: Der Zusammen­bruch der Finanz­märkte und die Zu­nah­me des Elends und der Kriege überall auf der Welt. Die be­zeich­nen­der­wei­se nicht von Staaten oder Völkern, sondern von Konzern­in­ter­es­sen mo­ti­vier­te und be­wirk­te Glo­ba­li­sie­rung auf der ideo­lo­gi­schen Grund­lage einer neo­li­be­ra­len Gesell­schafts- Finanz- und Wirt­schafts­ord­nung und flan­kiert von will­kür­li­chen Mi­li­tär­ak­tio­nen, ver­wan­delt die Welt ganz offen­kundig statt in ein Paradies mehr und mehr in ein Schlacht­haus und muss damit schlicht als ge­schei­tert an­ge­se­hen werden. Jeden­falls, wenn man sie als den Versuch begreift, eine ge­re­chte und hu­ma­ni­sti­schen Werten ver­pflich­tete Ordnung des Zu­sam­menlebens von Menschen und Völkern zu ver­wirk­li­chen.

Kampf um Machterhalt

Und da­mit kom­men wir zu­rück auf das Ein­gangs­state­ment die­ser Be­trach­tung: Die Zei­ten wer­den här­ter. Was an die­ser Aus­sa­ge fehlt, ist die Be­nen­nung einer Ur­sa­che hier­für. Der Grund liegt in dem ver­zwei­fel­ten Ver­such ei­ner welt­um­span­nen­den Fi­nanz­eli­te, die sich der Hül­le ei­ner wirt­schaft­lich her­un­ter­ge­kom­me­nen und mo­ra­lisch bank­rot­ten Su­per­macht be­dient, um mit al­len Mit­teln an der Macht zu blei­ben und zu die­sem Zwecke ih­ren Ein­fluss auf die gan­ze Welt aus­zu­deh­nen und zu ze­men­tie­ren. Des­we­gen steht die hal­be Welt in Flam­men.

Die Fi­nanz­kri­se als Er­geb­nis des Kon­troll­ver­lu­stes über die Gier auf­grund der De­re­gu­lie­rung der Fi­nanz­märk­te, der Is­la­mis­mus als Ge­gen­be­we­gung zum US- ame­ri­ka­ni­schen Neo­ko­lo­nia­li­smus in der ara­bi­schen Welt, der Ukrai­ne- Kon­flikt als Aus­druck des Stre­bens nach welt­wei­ter Do­mi­nanz, das Elend und die Krie­ge in der 3. Welt als Fol­ge der rück­sichts­lo­sen Plün­de­rung jeg­li­cher ma­te­riel­ler und im­ma­te­riel­ler Res­sour­cen, das Ver­sa­gen der Leit­me­dien auf­grund ih­rer Ver­qui­ckung mit den Eli­ten und der Un­ter­wan­de­rung durch Ein­fluss­agen­ten. Die Li­ste der Bei­spie­le ließe sich be­lie­big fort­set­zen.

Nun droht gar dem ge­sam­ten Erdball der Super­gau an­ge­sichts der letz­ten ver­blie­be­nen, über­ra­gen­den Fähig­keit dieser Super­macht, näm­lich der mi­li­tä­ri­schen. Die Alter­na­ti­ve zum Super­gau ist aber auch nicht gerade ver­lo­ckend: Ab­war­ten, bis sich der neo­li­be­ra­le Wel­ten­brand wei­ter­frisst und auch den letz­ten Win­kel der Erde zer­stört. Das ein­zi­ge, was wir tun kön­nen, ist, die Ver­ant­wort­li­chen von der Sinn­lo­sig­keit und Ver­geb­lich­keit ihres Han­delns zu über­zeu­gen und zu ver­su­chen, sie davon ab­zu­hal­ten, zum Äu­ßer­sten zu grei­fen.