Zensur im MH17-Untersuchungsbericht: Warum sperrte Kiew den Luftraum nicht?

Eine Passagierflugmaschine mitten über einem Kriegsgebiet. Das war schon immer verwunderlich. Doch im Fall MH-17, das Flugzeug dass über der Ostukraine abgeschossen wurde, ging man diesen Vorwürfen nicht weiter nach. Nun ergaben Recherchen von WDR, NDR „Süddeutscher Zeitung“ und dem niederländischen Investigativteam „ARGOS“, dass die ukrainische Flugaufsicht nach Ansicht von Militärexperten den Luftraum über dem Osten des Landes schon vor dem Abschuss der Passagiermaschine MH17 zwingend sperren hätte müssen. Hintergrund ist der Abschuss einer Antonov-Militärmaschine wenige Tage vorher. Ein Satz, der auf diesen Zusammenhang hindeutet, wurde aus dem niederländischen Zwischenbericht vor der Veröffentlichung gestrichen.

Am 14. Juli wurde bei Lugansk eine militärische Transportmaschine aus einer Höhe von 6.500 Metern abgeschossen. Die Separatisten behaupteten damals, dafür verantwortlich zu sein, aber der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat (NSDC) teilte mit, dass die tragbaren Flugabwehrraketen der Separatisten nicht so hoch reichen würden, weswegen man der Meinung war, der Abschuss sei „wahrscheinlich“ mit Raketen von russischem Territorium aus erfolgt. Etwa sieben Stunden nach dem Abschuss der  Militärtransportmaschine verbat sie das Fliegen, allerdings nur bis auf 9750 Metern – wenige Hundert Meter von der Standard-Reiseflughöhe der Langstreckenflieger entfernt. Bei ihrem Abschuss war die malaysische Boeing 777 auf etwa 10.050 Metern unterwegs.

Dem Urteil vom Giemella schließt sich nun auch der Militärexperte Siemon Wezeman vom Stockholmer Institut für Friedensforschung (SIPRI) an: „Mit dem Abschuss der Antonov auf einer Höhe von 6.500 Metern war es absolut klar, dass das nicht mit kleinen, sondern nur mit schweren Flugabwehr-Raketensystemen geschehen konnte“, sagte er. Diese Raketensysteme würden „ohne Probleme Höhen zwischen 10.000 und 13.000 Metern“ erreichen.

In einer unveröffentlichten Version des niederländischen Zwischenberichts zu den Ursachen des Absturzes wurde auf die Sperrung des Luftraums durch die Ukraine hingewiesen. Das belegen Recherchen von WDR, NDR, „SZ“ und dem niederländischen Investigativteam „ARGOS“. Die Sperrung bis zu 9750 Meter wurde auf dem international üblichen Weg per sogenannter NOTAM (engl. „notice to airmen“) herausgegeben. Auf Seite 14 der unveröffentlichten Version des holländischen Zwischenberichts hieß es: „Die NOTAM mit der Luftraumbegrenzung wurde verfasst als Reaktion auf den Abschuss einer Antonov 24 am 14. Juli auf einer Flughöhe von 6500 Metern.“ Ein heikler Satz, denn er macht das Versagen der ukrainischen Flugaufsichtsbehörde offenbar. In der offiziellen Version des Zwischenberichts ist der Satz nicht mehr enthalten.

QUELLEN:

Rötzer Florian, in Telepolis: „MH17: Kiew gerät zunehmend in Kritik“, http://www.heise.de/tp/artikel/43/43512/1.html, zuletzt eingesehen am 4.12.2014.

Osten, Demian von, Hötte Ralph, in Tagesschau: „Schwere Vorwürfe an ukrainische Behörden Luftraum hätte gesperrt werden müssen“, http://www.tagesschau.de/ausland/malaysian-airlines-abschuss-101.html, zuletzt eingesehen am 4.12.2014.