Beim britischen öffentlich-rechtlichen Sender BBC waren über Jahre hinweg Mitarbeiter verschiedener Ministerien eingesetzt. Sie wirkten unter anderem an Faktenchecks und journalistischen Inhalten zu politisch sensiblen Themen mit. Für das Publikum war ihre Verbindung zur Regierung bislang nicht erkennbar. Nach Medienberichten hat die BBC das Programm vorläufig ausgesetzt.
Beim britischen öffentlich-rechtlichen Sender BBC haben über mehrere Jahre hinweg Regierungsmitarbeiter an der Erstellung journalistischer Inhalte mitgewirkt. Wie der Wirtschaftsjournalist Norbert Häring auf seinem Blog „Geld und mehr“ berichtet, wurde die Praxis durch Recherchen der britischen Zeitung „The Telegraph“ öffentlich bekannt. Demnach existiert das entsprechende Austauschprogramm bereits seit acht Jahren. Insgesamt 39 Beschäftigte verschiedener britischer Ministerien sollen zeitweise bei der BBC gearbeitet haben. Die Einsätze dauerten jeweils zwischen drei und sechs Monaten. Während dieser Zeit erhielten die Mitarbeiter ihr Gehalt weiterhin von der Regierung.
Organisiert wurden die Abordnungen vom britischen Statistikamt.
Mitarbeit an politisch sensiblen Themen
Besonders kritisch erscheint die Auswahl der Themen, mit denen sich die abgeordneten Regierungsmitarbeiter beschäftigten. Dazu gehörten unter anderem Migration, illegale Überfahrten über den Ärmelkanal, die Corona-Pandemie, Kriminalität und Fragen der Lebenserwartung. Die entsprechenden Beiträge erschienen auf den Nachrichtenplattformen der BBC. In den Autorenangaben wurden die beteiligten Personen laut Häring lediglich mit ihrem Namen und dem Zusatz „BBC News“ oder „BBC Verify“ aufgeführt. Dass sie tatsächlich bei staatlichen Behörden beschäftigt waren, ging daraus nicht hervor.
Welche Aufgaben die Regierungsmitarbeiter übernahmen, lässt sich teilweise aus ihren eigenen Beschreibungen nachvollziehen. Eine Teilnehmerin bezeichnete ihre Tätigkeit auf einem Blog des britischen Statistikamts als Beratung für die Faktenprüfung der BBC. Dazu hätten die Überprüfung von Aussagen in kontroversen Wahldebatten, das Entwerfen journalistischer Inhalte und die Beratung von Journalisten gehört. Ein weiterer Teilnehmer berichtete, dass er zunächst an Inhalten zur jährlichen Bevölkerungsstatistik gearbeitet habe.
Die BBC bestritt gegenüber dem „Telegraph“ allerdings, dass die abgeordneten Regierungsmitarbeiter an der Abfassung von Beiträgen mitgeschrieben hätten. Damit stehen die öffentlichen Tätigkeitsbeschreibungen einzelner Teilnehmer zumindest teilweise im Widerspruch zur Darstellung des Senders. Das Austauschprogramm wirft insbesondere Fragen nach der journalistischen Unabhängigkeit auf. Wenn Regierungsbeschäftigte an der Überprüfung politischer Aussagen mitwirken, kann ein Interessenkonflikt entstehen – vor allem dann, wenn es um Äußerungen der eigenen Regierung geht.
Häring verweist in diesem Zusammenhang auf Faktenchecks zu Aussagen des britischen Premierministers Keir Starmer. Gerade bei solchen Themen ist die Trennung zwischen staatlichen Institutionen und unabhängiger journalistischer Kontrolle von besonderer Bedeutung. Dabei ist zwischen einem möglichen Interessenkonflikt und einer nachgewiesenen inhaltlichen Einflussnahme zu unterscheiden. Aus der Beschäftigung von Regierungsmitarbeitern bei der BBC allein folgt noch nicht, dass einzelne Faktenchecks bewusst verfälscht wurden. Problematisch ist jedoch, dass die institutionelle Verbindung für die Leser nicht offengelegt wurde.
BBC setzt Austauschprogramm vorläufig aus
Nach den Recherchen des „Telegraph“ reagierte die BBC zunächst mit der Ankündigung, künftig den eigentlichen Arbeitgeber der abgeordneten Mitarbeiter kenntlich zu machen. Am 18. Oktober ging der Sender einen Schritt weiter und kündigte an, das Austauschprogramm bis zum Abschluss einer internen Untersuchung auszusetzen. Bemerkenswert ist, dass die Bewerbungsfrist für weitere Abordnungen im Jahr 2027 erst am 16. Oktober endete. Das Programm sollte demnach ursprünglich fortgesetzt werden.
Grundsätzliche Fragen zur Unabhängigkeit öffentlich-rechtlicher Medien
Der Vorgang berührt eine zentrale Voraussetzung glaubwürdiger Berichterstattung: Journalistische Medien müssen staatliches Handeln unabhängig überprüfen können. Werden Mitarbeiter staatlicher Stellen in redaktionelle Arbeitsabläufe eingebunden, sind transparente Regeln und die Offenlegung möglicher Interessenkonflikte besonders wichtig. Häring sieht den Fall zudem im Zusammenhang mit politischen Überlegungen in Großbritannien, die Sichtbarkeit von BBC-Inhalten auf digitalen Plattformen zu stärken und zusätzliche Finanzierungsquellen für den Sender zu erschließen.