Das US-Imperium im Jahr 2026: auf Härte gebaut, von Schulden bedrängt

Washington tritt derzeit so offen als Ordnungsmacht auf wie seit Jahren nicht mehr. Im Januar nahmen US-Truppen in Caracas den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro fest, Ende Februar begann gemeinsam mit Israel der Krieg gegen den Iran, und Kuba wird von Öllieferungen weitgehend abgeschnitten. Ob darin Stärke oder Überdehnung zum Ausdruck kommt, ist unter Fachleuten umstritten. Fest steht: Das Fundament der amerikanischen Vormachtstellung wird gerade auf die Probe gestellt.

Das führt zwangsläufig zu der Frage, worauf die Vormachtstellung der USA überhaupt beruht. Der Begriff „Imperium“ ist umstritten, weil die USA formal keine Kolonien unterhalten, Ländern wie Deutschland aber immer noch die volle Souveränität vorenthalten. Gemeint ist meist ein Geflecht aus drei Machtquellen.

Erstens die militärische Reichweite: Flotten, Stützpunkte und Bündnisse, die Zugang zu fast allen Weltregionen sichern. Zweitens die Finanzmacht: Nach Zahlen des Internationalen Währungsfonds hielt der US-Dollar im ersten Quartal 2026 einen Anteil von 57,1 Prozent an den weltweiten Devisenreserven, US-Staatsanleihen gelten als sicherer Hafen, und Sanktionen wirken, weil internationale Zahlungen häufig über amerikanisch kontrollierte Kanäle laufen.

Drittens die Technologie- und Deutungsmacht: Von digitalen Standards über große Plattformen bis zu den Medien, die global die Weltbilder der Menschen prägen beherrschen die USA über diese eher „weichen“ Komponenten die Welt. Diese Kombination erlaubte es Washington lange, weltweit die Regeln zu setzen, ohne ständig Gewalt anzuwenden.

Was sich in den letzten Jahren verändert hat

Der Stil ist härter geworden: weniger Überzeugung, mehr Zwang. Zölle setzte die US-Regierung als Druckmittel ein, bis der Supreme Court im Februar die auf ein Notstandsgesetz gestützten Zölle für unzulässig erklärte und der Präsident auf andere Rechtsgrundlagen auswich.

Auf die Festnahme Präsident Maduros folgte in Venezuela im August ein Ölabkommen, das den USA nach Donald Trumps Angaben Zugriff auf mehr als 65 Milliarden Barrel sichert. Gegenüber Kuba, das von venezolanischem Öl abhing, verhängte Washington faktisch eine Ölblockade. Mittlerweile gibt es zumindest Gespräche. Bei Grönland verzichtete Präsident Trump nach monatelangen Drohungen auf eine Übernahme und unterzeichnete im September stattdessen ein Abkommen, das US-Streitkräften mehr Stützpunkte und freie Bewegung erlaubt, ohne dass Territorium den Besitzer wechselt.

Der Iran-Krieg zeigt Macht und Grenzen zugleich. Das Regime in Teheran besteht fort, doch die seit Mitte Juli wieder verhängte US-Seeblockade hat die iranischen Rohölverladungen im September laut Bloomberg auf null gedrückt. Die Straße von Hormus, durch die vor dem Krieg rund ein Fünftel des gehandelten Erdöls floss, bleibt umkämpft, und ein Barrel Öl der Nordseesorte Brent kostet wieder mehr als 100 US-Dollar.

Wo die Risiken liegen

Das erste Risiko sind die Finanzen. Die US-Bundesschulden überschritten im August erstmals die Schwelle von 40 Billionen Dollar. Die Nettozinsausgaben dürften 2026 nach Schätzung des Congressional Budget Office über einer Billion Dollar liegen und damit den Verteidigungsetat von rund 918 Milliarden Dollar übersteigen. Die Rendite 30-jähriger Staatsanleihen stieg im Mai auf 5,2 Prozent, den höchsten Stand seit 2007. Anschließend kam sie zwar wieder etwas zurück, doch im Herbst wurden erneut Höchststände markiert. Das ist für die USA nicht ungefährlich, denn ein Staat, der Kriege führt und zugleich immer mehr Geld für Zinsen ausgibt, verliert an Spielraum.

Das zweite Risiko ist die Überdehnung. Der Krieg treibt die Benzinpreise und setzt Donald Trump vor den Zwischenwahlen im November innenpolitisch unter Druck. Das dritte Risiko ist das Vertrauen der Partner. Der US-Präsident warf den Nato-Verbündeten Feigheit vor, weil sie sich nicht an einer Marineaktion in der Straße von Hormus beteiligen wollten, und die EU-Kommission schlägt einen eigenen Europäischen Sicherheitsrat vor. China wiederum hat seine offiziell gemeldeten Bestände an US-Staatsanleihen bis Juli auf 618 Milliarden Dollar, den niedrigsten Stand seit 2008, verringert und kauft verstärkt Gold.

Belastet und infrage gestellt, aber noch nicht gebrochen

Von einem Zusammenbruch ist die amerikanische Vormacht weit entfernt. Der US-Dollar-Anteil an den weltweiten Reserven stieg im ersten Quartal sogar leicht, vor allem aufgrund von Wechselkurseffekten. Ausländische Anleger hielten im Juli rund 9,25 Billionen Dollar an US-Staatsanleihen und eine gleichwertige Alternative fehlt, denn der Yuan kommt nur auf etwa zwei Prozent der Reserven.

Gefährlich wird erst das Zusammentreffen von steigenden Zinsen, einem Krieg ohne klares Ende und schwindendem Rückhalt bei Verbündeten. Beobachten sollte man die Renditen langlaufender US-Anleihen, die Lage am Golf, den Ausgang der Zwischenwahlen im November und die Goldkäufe der Notenbanken. Die Vormacht der USA ist belastet, aber nicht gebrochen.