Als die Straße von Hormus im Zuge des Krieges zwischen den USA und Israel mit dem Iran nach dem 28. Februar 2026 weitgehend blockiert wurde, warnten viele Analysten unisono vor einem historischen Ölpreisschock. Durch die Meerenge fließen normalerweise rund ein Fünftel der weltweiten Öllieferungen. Dies nahmen Analysten wie beispielsweise die Rohstoffexperten der Macquarie Bank zum Anlass, einen Anstieg auf 150 bis 200 US-Dollar je Barrel für realistisch zu halten.
Das Schreckensszenario wurde insbesondere für den Fall angenommen, dass sich der Krieg über mehrere Wochen und Monate hinziehen sollte. Genau dies ist anschließend eingetreten. Zwar wurde nicht immer mit der hohen Intensität der ersten Kriegstage gekämpft, doch der Iran nutzte die Seeverbindung geschickt als Druckmittel indem er sie umgehend sperrte.
Diese Strategie war sehr erfolgreich, während es gleichzeitig den Vereinigten Staaten weder mit militärischen noch mit diplomatischen Mitteln gelang, die für die gesamte Welt wichtige Seeverbindung schnell und dauerhaft wieder zu öffnen. Zwar passierten einzelne Tanker die Meerenge, doch von einer Normalisierung des Seehandels kann in diesen Gewässern noch keine Rede sein. Dennoch kam es nicht zu dem von den Analysten erwarteten Extremszenario, obwohl die physischen Preise für Diesel und Kerosin in Asien zeitweise durchaus Spitzenwerte erreichten.
Ein auffälliger Nachfrageausfall
Ein wesentlicher Grund für diese von den Analysten zu Beginn des Krieges nicht erwartete Entwicklung findet sich in offiziellen chinesischen Zollstatistiken, denn China, als weltweit größter Ölimporteur, fuhr seine Käufe auf dem Weltmarkt drastisch zurück, sodass sie das niedrigste Niveau seit einem Jahrzehnt erreichten.
Für ein Land, das üblicherweise Millionen Barrel täglich importiert, ist ein derart abrupter Rückgang alles andere als selbstverständlich und unbedeutend. Nach Einschätzung von Marktbeobachtern konnte China sich diesen Verzicht nur deshalb leisten, weil es zuvor über Jahre hinweg seine Lagerbestände auf rund 1,4 Milliarden Barrel aufgestockt hatte. Diese Reserven zapfte das Reich der Mitte nun an, anstatt zusätzliches, knappes und teures Öl auf dem Weltmarkt nachzufragen.
Weniger Nachfrage, gedämpfter Preis
Die Wirkung eines derart großen Käufers, der sich praktisch vom Markt zurückzieht, lässt sich kaum überschätzen: Weniger Nachfrage bedeutet unmittelbar weniger Druck auf einen bereits angespannten Markt. In Kombination mit koordinierten Freigaben aus westlichen Reserven, wo Berichten zufolge insgesamt rund 400 Millionen Barrel aus globalen Beständen mobilisiert wurden, blieb der befürchtete Sprung auf 200 US-Dollar aus.
Der Preis für ein Fass Nordseeöl der Sorte Brent bewegte sich stattdessen über weite Strecken des Frühjahrs und Sommers in einer Spanne zwischen rund 80 und leicht über 130 US-Dollar. Diese Spanne ist gewiss beachtlich und die Volatilität war hoch, denn je nach Kriegsverlauf und Verhandlungsstand waren deutliche Ausschläge in beide Richtungen zu verzeichnen, doch der befürchtete Ausbruch auf zuvor noch nie gesehene Preisniveaus blieb aus.