Wenn Menschen lieber schweigen: Mehrheit hält eigene Meinung zumindest manchmal zurück

Offen auszusprechen, was man denkt, ist für viele Menschen in Deutschland offenbar keine Selbstverständlichkeit mehr. Eine aktuelle Erhebung zeichnet jedenfalls ein bemerkenswertes Bild: 59 Prozent der Befragten geben an, ihre Meinung schon einmal nicht geäußert zu haben. Als Gründe wurden Rücksicht auf andere oder die Sorge vor möglichen Nachteilen genannt. Lediglich 29 Prozent erklärten, dies bislang nicht getan zu haben.

Die Zahlen berühren eine Frage, die weit über alltägliche Zurückhaltung hinausgeht. Wie frei empfinden Menschen den gesellschaftlichen Raum, wenn sie mit ihrer Auffassung anecken könnten? Schließlich entstehen solche Situationen nicht nur in politischen Diskussionen. Sie können am Arbeitsplatz ebenso auftreten wie im Freundeskreis, in Vereinen oder innerhalb der Familie.

Bemerkenswert ist deshalb weniger, dass Menschen gelegentlich schweigen. Dafür kann es viele vernünftige Gründe geben. Auffällig ist vielmehr die Größenordnung. Wenn deutlich mehr als die Hälfte schon einmal auf eine Meinungsäußerung verzichtet hat, weil sie Rücksicht nehmen oder negative Folgen vermeiden wollte, deutet das zumindest auf eine verbreitete Vorsicht im gesellschaftlichen Umgang miteinander hin.

Daneben liefert die Erhebung einen zweiten Befund, der auf eine andere Form des Vertrauensverlustes hindeutet. 30 Prozent der Befragten erklärten, eine gegen sie begangene Straftat nicht angezeigt zu haben, weil sie sich davon keinen Erfolg versprachen. 56 Prozent machten diese Erfahrung dagegen nicht.

Damit geht es nicht mehr um die Frage, ob jemand seine politische oder gesellschaftliche Ansicht lieber für sich behält. Hier steht das Vertrauen in die Wirksamkeit staatlicher Institutionen im Mittelpunkt. Wer nach einer Straftat bewusst auf eine Anzeige verzichtet, weil er das Verfahren ohnehin für aussichtslos hält, trifft eine Entscheidung mit unmittelbaren Folgen: Der betreffende Fall gelangt möglicherweise gar nicht erst in die offizielle Erfassung.

Auch die persönliche finanzielle Zukunft beschäftigt einen erheblichen Teil der Befragten. 41 Prozent sehen ihre Vorsorge als nicht ausreichend an, um Altersarmut zu vermeiden. 35 Prozent beurteilen ihre eigene Absicherung dagegen als ausreichend.

Politisch zeigt die Erhebung ebenfalls deutliche Verschiebungen. In der abgefragten Sonntagsfrage erreicht die AfD 28,5 Prozent. CDU und CSU kommen gemeinsam auf 20,5 Prozent, die Grünen auf 13 Prozent. SPD und Linkspartei liegen jeweils bei zwölf Prozent. Die FDP erreicht fünf Prozent, das BSW drei Prozent. Beim grundsätzlich vorstellbaren Wählerpotenzial ergeben sich teilweise andere Relationen: Für die AfD werden 35,5 Prozent genannt, für die SPD 34 Prozent, für die Union 33,5 Prozent und für die Grünen 30 Prozent.

Die einzelnen Ergebnisse betreffen sehr unterschiedliche Lebensbereiche. Zusammengenommen beschreiben sie jedoch eine Bevölkerung, in der erhebliche Teile zumindest punktuell Zurückhaltung, Zweifel oder Unsicherheit äußern: beim offenen Aussprechen der eigenen Meinung, beim Vertrauen in den Nutzen einer Strafanzeige und bei der Einschätzung der eigenen finanziellen Absicherung.

Besonders die Zahl von 59 Prozent dürfte dabei Diskussionen auslösen. Sie beweist für sich genommen weder, dass freie Meinungsäußerung in Deutschland nicht möglich wäre, noch erklärt sie, weshalb einzelne Befragte geschwiegen haben. Sie zeigt aber, dass die Entscheidung, eine eigene Auffassung aus Rücksicht oder aus Sorge vor Nachteilen für sich zu behalten, für eine Mehrheit der Befragten keine rein theoretische Erfahrung ist.