in Wirtschaft

Als ich vor einigen Jahren das Buch „1.000 € für Jeden“ vom deutschen Unternehmer und Gründer der DM-Gruppe Götz Werner gelesen habe, hat mich die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens sofort gepackt und fasziniert. Als in der Schweiz dann eine Volksinitiative für ein Grundeinkommen gestartet wurde, die vor allem durch den Künstler Enno Schmidt und den Unternehmer Daniel Häni mit deren Film „Grundeinkommen“ vorangetrieben wurde, war ich endgültig überzeugt davon, dass das eine Idee ist, mit der es sich genauer auseinanderzusetzen lohnt.

Im Herbst 2014 wurde dann mein Artikel „Geld zum Wohle aller – Bedingungsloses Grundeinkommen“ erstmals veröffentlicht. Und auch hier auf neopresse ist der Artikel letztes Jahr erschienen.

Sosehr ich die Idee stimmig und sinnvoll erachtete und die Umsetzung eines Grundeinkommens in der einen oder anderen Form früher oder später für notwendig halte, sosehr war ich aber auch skeptisch, dass ein Grundeinkommen in naher Zukunft tatsächlich Realität werden könnte.

Zu sehr war die Diskussion noch von Totschlagargumenten à la „Blödsinn“, „unfinanzierbar“, „was für Faulenzer“ und ähnlichem beherrscht.

Das faszinierendste an der Diskussion war für mich allerdings schon damals, dass diese „Argumente“ nur halten, wenn man sich an der Oberfläche des Themas bewegt. Umso mehr und umso tiefer, sprich umso seriöser man sich aber mit dem Thema auseinandersetzt, umso schlüssiger und umso plausibler wird das Konzept.

Offensichtlich hat eine solche Auseinandersetzung mit der Thematik schon heute eine sehr breite Wirkung entfaltet. Denn die Diskussion und die Aktivitäten hin zu einer tatsächlichen Umsetzung eines bedingungslosen Grundeinkommens sind intensiver denn je.

Volksabstimmung in der Schweiz

Die schweizerische Initiative Grundeinkommen war erfolgreich und führte schließlich im Juni letzten Jahres zu einer Volksabstimmung.  Die Schweiz war damit das erste Land, das über ein bedingungsloses Grundeinkommen abgestimmt hat. Schweizweit haben rund ¾ der Stimmbürger die Initiative abgelehnt und ¼ diese angenommen. Die größte Zustimmung fand das Grundeinkommen mit 40 Prozent Befürwortern in der Bundeshauptstadt Bern.

Dieses Ergebnis wurde von den Initiatoren der Volksabstimmung durchaus als Erfolg gewertet, denn natürlich war ihnen von Anfang an klar, dass der Vorschlag wohl abgelehnt werden wird. Initiativen werden in der Schweiz bei der ersten Volksabstimmung nämlich selten direkt angenommen, sind aber meist ein Türöffner für eine Diskussion des Themas in der breiten Öffentlichkeit. Laut Umfragen gehen nun fast 70 Prozent der Schweizer Stimmbürger davon aus, dass es eine weitere Volksabstimmung über das Grundeinkommen geben wird. Ähnlich könnte es sich auch mit einer aktuellen Schweizer Initiative für eine Vollgeldreform verhalten, über die ich vor kurzem hier berichtet habe.

Breite Diskussion in USA und BRD

Wahrscheinlich nicht ganz zufällig, ist zeitgleich mit der Schweizer Volksabstimmung mit „Raising the Floor“ ein Buch des ehemaligen Präsidenten der größten US-Gewerkschaft SEIU zum Grundeinkommen in den USA erschienen und hat auch dort die Debatte über das Thema eröffnet.

Auch in Deutschland ist die Diskussion schon weit fortgeschritten und offensichtlich ist die grundsätzliche Zustimmung zum bedingungslosen Grundeinkommen mit rund 75 Prozent überraschend hoch. Einzig über die Höhe eines Grundeinkommens gehen die Meinungen dort auseinander: Rund ein Drittel der Befragten halten den von Götz Werner in seinem Buch und auch von anderen Ökonomen wie Thomas Straubhaar genannten Betrag von 1.000 Euro gerade für richtig. 27 Prozent sind sogar für 1.500 Euro und 40 Prozent meinen, dass der Betrag unter 1.000 Euro liegen sollte.

Die Finnen aber wagen den Versuch

Viel weiter ist man schon in Finnland. Dort wurden im November letzten Jahres von 213.000 als arbeitslos gemeldeten Menschen 2000 per Los ausgewählt, die nun seit dem Jahreswechsel ein Grundeinkommen von 560 Euro pro Monat bekommen. Die Probanden erfuhren erst kurz vor dem Jahreswechsel, dass sie Teil des Tests sind. Ablehnen können sie das Geld nicht, Bedingungen sind an das Geld sonst aber keine geknüpft. Es darf auch etwas dazu verdient werden und Steuern sind auf das Grundeinkommen keine fällig. Zwei Jahre lang sollen die ausgewählten Probanden das Geld erhalten, dann wird Bilanz gezogen, was ihnen die monatliche Geldspritze gebracht hat.

Einen ähnlichen aber viel größer angelegten Versuch gibt es in Kenia, wo die Initiative „GiveDirectly“ ein Pilotprojekt gestartet hat.

Von diesem Experiment dürfte man bald noch deutlich mehr hören, denn in einigen Monaten soll es die finnischen Dimensionen deutlich übertreffen. Die Initiative hat von den anvisierten 30 Millionen Dollar bereits mehr als 20 Millionen Dollar aufgetrieben. Prominenter Unterstützer ist unter anderem Pierre Omidyar, Gründer der Auktionsplattform Ebay, der angeblich rund 500.000 US-Dollar in das Projekt gesteckt hat.

26.000 Menschen in Kenia erhalten Geld

Es handle sich um das ambitionierteste Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen der Geschichte, heißt es auf der Homepage von Omidyar Network, der Investmentplattform des Ebay-Milliardärs. GiveDirectly werde insgesamt 26.000 Menschen in 200 kenianischen Dörfern unterstützen. 6000 dieser Teilnehmer erhalten das Geld über einen Zeitraum von zwölf Jahren. Beträge von 0,75 Dollar pro Tag erscheinen zwar nicht hoch, entsprechen aber in ländlichen Gebieten Kenias rund der Hälfte eines typischen Einkommens. Dass das Geld bei denen landet, die es am nötigsten haben, stellt GiveDirectly durch einen aufwendigen Auswahlprozess vor Ort sicher.

Ökonomen erhoffen sich viele Erkenntnisse

Begleitet wird das Projekt von Ökonomen der renommierten US-Universitäten Princeton und MIT. Die Forscher erhoffen sich, mit dem Großprojekt herauszufinden, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen in einer Gesellschaft wirkt. Zeigen die Menschen mit einer gewissen finanziellen Sicherheit im Rücken mehr unternehmerisches Risiko? Oder arbeiten sie weniger? Nutzen sie die gewonnene Zeit und das Geld für Weiterbildung oder verjubeln sie alles in Glücksspiel, Alkohol und Drogen? Was sind die Effekte auf Bildung und Gesundheit? Und wirkt ein bedingungsloses Grundeinkommen vielleicht auch besser als klassische Entwicklungshilfe?

Antworten soll das Projekt nicht erst nach zwölf Jahren liefern, vielmehr sollen schon in den ersten Jahren wertvolle Erkenntnisse über das Verhalten der Teilnehmer zu erwarten sein.

Es ist somit schon jetzt klar, dass die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens längst angekommen ist, in Politik, Wissenschaft und in der breiten Öffentlichkeit. Wir können gespannt sein, wie sich die Diskussion weiterentwickelt und wann das erste Land ein Grundeinkommen oder ein ähnliches Modell für alle Bürger einführen wird.

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Großartig! Wo sich die gesamte Wertschöpfung durch den Menschen auf unserem Globus konsequent von der abhängigen Arbeit verabschiedet und von digital gesteuerten Machinen erbracht wird, geht es doch gar nicht anders als dass die Staaten dort Geld abschöpfen und es direkt weitergeben an die Menschen, die sonst untergehen!

    Natürlich ist das bedingungslose Grundeinkommen auch ein guter Weg, in „unterentwickelten“ Ländern die Menschen zu alimentieren, die keine Chance haben, mit ihrer Arbeit ein angemessenes Einkommen zu erzielen. Sehr bald gilt überall in der Welt: Wenn die einfachen Bürger zu wenige Möglichkeiten haben, durch Arbeit ihren Unterhalt zu verdienen, gibt es keinen anderen Weg als dass ihr Staat sie am Leben hält.

    • Das Interesse an der Arbeitskraft Mensch ist viel zu groß,
      als dass ein akzeptables Grundeinkommen kommen wird.
      Die Arbeitslosigkeit ist ein hervorragendes Erpressungsmittel, auch darauf werden die Machthaber nicht verzichten.
      Wenn es keine Arbeit gibt, wird Arbeit geschaffen, die Asylindustrie z.B und die NGO Industrie, – und der Phantasie, idologische Vorstellungen auch durch Arbeitskraft umsetzen zu lassen ist grenzenlos.

      Darin ist ein Problem zu sehen : Freiwerdende Arbeitskraft , ideologisch Instrumentalisiert, ist vielleicht das größte Problem der Gegenwart.

    • Ich befürchte auch, dass die Almosen durch die Mächtigen/Regierungen (BGE) die Abhängigkeit und Lethargie der Menschen erhöht. Noch weniger Drang nach Freiheit, Selbstverantwortung erzeugt soziale Debilität.

    • Fritz Rihs von welchem Standpunkt aus ist das gesagt? In einer Wirtschaft, die für menschliche Bedürfnisse produziert statt für Gewinn, gibt es nämlich sowieso eine Art BGE (allerdings nicht mit der Betonung auf dem G – außer das stände für „Gehobenes“)

  2. Dazu zwei Bemerkungen:
    Über den sehr umständlichen Weg Arbeitslosengeld, Hartz 4, Grundsicherung … sind wir schon heute bei einen Grundeinkommen. Teurer wird es nicht, im Gegenteil, der wahnwitzige Verwaltungsaufwand entfällt fast völlig.
    Wenn immer mehr Produkte maschinell erzeugt werden, stehen den Produktkosten keine Löhne gegenüber von Menschen, die sich die Produkte dann auch leisten können. Hier muss die Politik völlig umdenken; und das bedingungslose Grundeinkommen kann nur ein Anfang sein. Die komplette Gesellschaftstruktur wird sich gravierend wandeln müssen.

  3. Punkto „Unternehmerisches Risiko“: Das BGE würde einem auf jeden Fall den Weg in die Selbstständigkeit erleichtern, schließlich ist man ja erstmal abgesichert. Würde mich interessieren, wie viele diese Chance wahrnehmen würden.

  4. Die Geldreichen müssten auf ein Teil ihres Geldes Verzichten.
    Kapitalismus müsste neu Reformiert werden.
    Der Teufel geht eher in der Kirche zu Gott beten bevor diese beiden Dinge umgesetzt werden.
    Damit bleibt das Thema ein ewiger Traum.
    Das Thema ist beendet.

    Bedingungsloses ALG II wäre schon ein Großartiger Fortschritt.
    Wird aber auch nie Umgesetzt werden.
    Kein Politiker würde das zum Thema machen.
    Dieses Thema hat sich dann wohl auch erledigt.

    Der Mensch ist nun mal ein Lügner und Betrüger.
    Ein Egoist und Opportunist.