Wie die EU sich abhängig von China macht!

Von der Leyen

Europa spricht gern von Souveränität. Von Unabhängigkeit, Resilienz und einer eigenständigen Sicherheitsarchitektur. Doch hinter diesen politischen Schlagworten verbirgt sich ein gravierendes Problem: Wer seine industrielle Basis nicht selbst absichern kann, bleibt abhängig – unabhängig davon, wie hoch Verteidigungsetats oder politische Ambitionen ausfallen.

Strategisch abhängig

Genau an diesem Punkt offenbart sich derzeit eine der größten Schwächen der Europäischen Union. Für zahlreiche Schlüsseltechnologien, die sowohl in der modernen Industrie als auch im Verteidigungssektor unverzichtbar sind, ist Europa auf Lieferungen aus China angewiesen. Besonders bei Seltenen Erden und den daraus gefertigten Hochleistungsmagneten besitzt Peking eine marktbeherrschende Stellung. Ohne diese Komponenten geraten Produktionsketten ins Stocken – mit unmittelbaren Folgen für Rüstungsindustrie, Maschinenbau und Hochtechnologie.

China musste diese Position nicht militärisch erkämpfen. Sie entstand über Jahre durch den konsequenten Ausbau eigener Förder- und Verarbeitungskapazitäten. Heute verschafft dieser Vorsprung der Volksrepublik erheblichen politischen Spielraum. Werden Exportgenehmigungen eingeschränkt oder Lieferungen verzögert, spüren europäische Unternehmen die Folgen unmittelbar.

Das eigentliche Problem liegt jedoch nicht in China. Jeder Staat verfolgt seine eigenen wirtschaftlichen und strategischen Interessen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, weshalb Europa diese Abhängigkeit überhaupt zugelassen hat.

Während Brüssel den Ausbau der Verteidigungsfähigkeit vorantreibt, fehlt es gleichzeitig an einer belastbaren Rohstoffstrategie. Eigene Lagerstätten werden nur zögerlich erschlossen, Genehmigungsverfahren ziehen sich über Jahre, und der Aufbau neuer Förderkapazitäten kommt nur langsam voran. Zwischen politischen Zielsetzungen und industrieller Realität klafft eine erhebliche Lücke.

Hinzu kommt ein weiterer Zielkonflikt, der zunehmend sichtbar wird. Die europäische Umwelt- und Klimapolitik erschwert den Abbau strategischer Rohstoffe innerhalb Europas erheblich. Hohe ökologische Anforderungen, langwierige Genehmigungen und gesellschaftlicher Widerstand gegen neue Bergbauprojekte sorgen dafür, dass notwendige Rohstoffförderung vielfach ins Ausland verlagert wird. Damit entsteht ein Paradox: Einerseits wächst der Bedarf an strategischen Metallen durch Energiewende, Elektromobilität und Digitalisierung stetig. Andererseits werden die Voraussetzungen geschaffen, die eigene Versorgung immer stärker von Drittstaaten abhängig zu machen.

So entsteht eine strategische Verwundbarkeit, die weit über den Verteidigungssektor hinausreicht. Denn Rohstoffe sind längst nicht mehr nur Wirtschaftsgüter. Sie entwickeln sich zunehmend zu geopolitischen Machtinstrumenten. Wer ihre Förderung und Verarbeitung kontrolliert, gewinnt Einfluss auf ganze Volkswirtschaften.

Europa wird seine strategische Handlungsfähigkeit deshalb nicht allein durch höhere Verteidigungsausgaben zurückgewinnen. Entscheidend ist vielmehr, ob es gelingt, industrielle Wertschöpfung, Rohstoffversorgung und politische Zielsetzungen wieder miteinander in Einklang zu bringen. Andernfalls bleibt der Anspruch auf mehr Eigenständigkeit ein politisches Versprechen, das an den Realitäten globaler Lieferketten scheitert.