Merz unter Druck: Fast jeder Zweite rechnet mit vorzeitigem Kanzler-Aus

Für Friedrich Merz könnten die kommenden Tage zu einer entscheidenden Belastungsprobe werden. Während in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern die nächsten Landtagswahlen bevorstehen, wächst der Druck auf den Bundeskanzler auch jenseits der Parteizentralen. Eine aktuelle Befragung zeichnet ein bemerkenswertes Bild: Ein großer Teil der Bevölkerung hält es inzwischen für möglich, dass Merz nicht einmal bis zum Jahresende im Kanzleramt bleibt.

48 Prozent rechnen mit einem Wechsel

An der Befragung nahmen 1.611 Menschen teil. 48 Prozent von ihnen erwarten, dass der CDU-Vorsitzende noch vor Ende 2026 als Bundeskanzler abgelöst wird. Lediglich 31 Prozent gehen davon aus, dass Merz darüber hinaus im Amt bleibt. Weitere 21 Prozent legten sich nicht fest. Damit geht es längst nicht mehr allein um schlechte Beliebtheitswerte. Die politische Debatte erreicht eine grundsätzlichere Ebene: Wie stabil ist die Position des Kanzlers innerhalb der Union und der Regierungskoalition noch?

Eine Umfrage entscheidet selbstverständlich nicht über die Amtszeit eines Bundeskanzlers. Sie zeigt jedoch, wie stark sich die öffentliche Wahrnehmung innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit verändert hat. Zusätzliche Brisanz erhält die Lage durch das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Dort erreichte die AfD nach dem vorläufigen Ergebnis 43,8 Prozent. Die CDU kam lediglich auf 17,2 Prozent. Für die Union bedeutete das einen massiven Rückschlag. Rund 25 Landtagsmandate gingen demnach verloren. Die Reaktion aus den Ländern ließ nicht lange auf sich warten. Acht CDU-Ministerpräsidenten stellten sich gemeinsam hinter Merz. Das demonstrative Signal sollte Geschlossenheit vermitteln. Gleichzeitig macht schon die Notwendigkeit eines solchen Schulterschlusses deutlich, unter welchem politischen Druck die Parteiführung derzeit steht.

Merz selbst versucht, Zweifel an seinem Durchhaltewillen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Nach der Niederlage in Sachsen-Anhalt machte er deutlich, dass ein Aufgeben für ihn nicht infrage komme.

Die nächste Bewährungsprobe folgt unmittelbar. In Mecklenburg-Vorpommern bewegt sich die CDU in Umfragen nur noch bei sechs bis sieben Prozent. Damit steht für die Partei dort sehr viel auf dem Spiel. Auch Berlin könnte für die Union zum Problem werden. Dort kämpft sie mit der Linken um die stärkste Position und muss um das Rote Rathaus bangen, das sie 2023 zurückgewonnen hatte. Die Bedeutung dieser beiden Wahlen reicht deshalb weit über die jeweiligen Landesverbände hinaus. Weitere schwere Verluste würden zwangsläufig auch die Diskussion über die Verantwortung der Bundespartei und ihres Vorsitzenden verschärfen.

Wie ernst Merz die innenpolitische Situation nimmt, zeigt auch seine Terminplanung. Am Donnerstag schaltete er sich erstmals persönlich in den Berliner Wahlkampf ein. Eine für die folgende Woche vorgesehene Rede vor der UN-Generalversammlung sagte er Berichten zufolge dagegen ab. Der Schwerpunkt liegt damit vorerst klar auf der politischen Lage zu Hause.

Besonders deutlich wird der Vertrauensverlust beim Blick auf die Entwicklung der Kanzlerwerte. Noch im Juni 2025, wenige Wochen nach seiner Vereidigung, waren 39 Prozent mit der Arbeit von Friedrich Merz zufrieden. Anfang September 2026 waren es nur noch 13 Prozent. Damit hat sich die Stimmung gegenüber dem Kanzler innerhalb von gut einem Jahr grundlegend verändert. Für Merz entsteht daraus ein doppeltes Problem: Er muss nicht nur verlorenes Vertrauen in der Bevölkerung zurückgewinnen, sondern zugleich verhindern, dass schlechte Wahlergebnisse die Debatte innerhalb seiner eigenen Partei weiter anheizen.

Gerade diese Kombination macht die Situation politisch heikel. Einzelne schlechte Umfragewerte lassen sich aussitzen. Mehrere Wahlniederlagen, sinkende persönliche Zustimmung und wachsende Zweifel an der politischen Zukunft eines Kanzlers können dagegen eine Dynamik entwickeln, die sich nur schwer kontrollieren lässt.

Ob Friedrich Merz tatsächlich noch 2026 um sein Amt kämpfen muss, lässt sich aus einer Befragung nicht ableiten. Die 48 Prozent sind keine Prognose über einen Kanzlerwechsel, sondern geben wieder, was die Befragten derzeit erwarten. Politisch entscheidender dürfte deshalb sein, was bei den bevorstehenden Landtagswahlen geschieht. Für die Union geht es dabei nicht nur um Mandate und Regierungsämter in zwei Bundesländern. Es geht auch um die Frage, ob sich der Negativtrend nach Sachsen-Anhalt fortsetzt oder ob die Partei ihn stoppen kann.

Fest steht: Die Diskussion um Friedrich Merz hat eine neue Größenordnung erreicht. Wo vor wenigen Monaten vor allem über einzelne Entscheidungen und Zustimmungswerte gestritten wurde, steht inzwischen seine politische Zukunft selbst im Mittelpunkt. Die nächsten Wahlergebnisse dürften darüber entscheiden, ob sich diese Debatte wieder beruhigt – oder ob sie innerhalb der Union erst richtig beginnt.