Aufarbeitung statt Gewissheiten: Virologe Schmidt-Chanasit fordert neue Corona-Debatte

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Mehr als sechs Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie hält der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit eine umfassende Aufarbeitung der politischen und wissenschaftlichen Entscheidungen für überfällig. In einem Interview mit der Berliner Zeitung kritisiert der Hamburger Professor den Umgang mit wissenschaftlichen Unsicherheiten, sieht politischen Einfluss auf fachliche Bewertungen und warnt davor, aus vorläufigen Erkenntnissen unumstößliche Wahrheiten gemacht zu haben.

Auslöser der neuen Debatte sind unter anderem die inzwischen veröffentlichten ungeschwärzten RKI-Protokolle sowie freigegebene Dokumente aus den USA. Nach Einschätzung Schmidt-Chanasits zeigen die RKI-Unterlagen, dass intern deutlich differenzierter über Maßnahmen diskutiert wurde, als dies später öffentlich vermittelt wurde. So seien wissenschaftliche Bewertungen und politische Entscheidungen nicht immer klar voneinander getrennt gewesen. Die Politik habe Entscheidungen häufig als unmittelbare Folge wissenschaftlicher Erkenntnisse dargestellt und damit Verantwortung auf Wissenschaftler und das Robert Koch-Institut verlagert.

Besonders kritisch bewertet der Virologe den Umgang mit Unsicherheiten. Maßnahmen seien vielfach nicht konsequent überprüft worden, während wissenschaftliche Zweifel kaum offen kommuniziert worden seien. Der eigentliche Vertrauensverlust sei deshalb nicht durch Unsicherheit entstanden, sondern dadurch, dass vorläufige Einschätzungen öffentlich als gesicherte Tatsachen präsentiert worden seien.

Auch der Ursprung müsse differenziert betrachtet werden

Auch bei der Diskussion über den Ursprung des Coronavirus mahnt Schmidt-Chanasit zu einer differenzierten Betrachtung. Weder die inzwischen veröffentlichten Notizen von Anthony Fauci noch andere Dokumente belegten einen Laborursprung. Gleichzeitig sei der Huanan-Markt aus seiner Sicht vorschnell als gesicherter Ursprungsort dargestellt worden. Nach wie vor sei ungeklärt, wo die erste Übertragung auf den Menschen tatsächlich stattgefunden habe.

Zur sogenannten Laborthese erklärt Schmidt-Chanasit, dass veröffentlichte E-Mails erhebliche interne Zweifel einzelner Wissenschaftler an einer ausschließlich natürlichen Entstehung des Virus dokumentierten. Diese Unsicherheit habe sich jedoch in der wissenschaftlichen Veröffentlichung „Proximal Origin“ nicht in gleicher Deutlichkeit widergespiegelt. Er hält deshalb eine unabhängige Untersuchung der damaligen Entstehungsgeschichte des Fachartikels für notwendig. Einen eindeutigen Beweis für einen Laborunfall sieht Schmidt-Chanasit allerdings ebenfalls nicht.

Die politische Aufarbeitung der Pandemie hält der Wissenschaftler für unzureichend. Die vom Bundestag eingesetzte Enquetekommission sei zwar ein wichtiger erster Schritt, verfüge jedoch nur über begrenzte Befugnisse. Stattdessen plädiert Schmidt-Chanasit für eine unabhängige Wahrheits- und Versöhnungskommission, in der politische Entscheidungsträger, Wissenschaftler, Ärzte und Betroffene ihre Erfahrungen offen darlegen können. Ziel müsse es sein, Fehler transparent aufzuarbeiten und verlorenes Vertrauen wiederherzustellen.

Mit Blick auf die öffentliche Debatte während der Pandemie kritisiert Schmidt-Chanasit außerdem eine zunehmende Verengung des wissenschaftlichen Diskurses.

Auch beim Thema Impfstoffe fordert der Virologe eine differenziertere Kommunikation. Die mRNA-Impfstoffe hätten zwar wirksam vor schweren Erkrankungen geschützt, der Schutz vor einer Übertragung des Virus sei jedoch begrenzt gewesen.