in Medien

Jehova, Lügenpresse, Autobahn: Zur Ächtung von Medienkritik und warum „Lügenpresse“ nicht der passende Begriff ist

Seit eine „unabhängige Jury“ den Begriff „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres 2014 bestimmt hat, entbrennt eine Diskussion über die Angemessenheit einer solchen „sprachkritischen Aktion“. Nicht in den Erzeugnissen der etablierten Presse freilich: Ihr kommt die Ächtung eines Begriffs zupass, mit dem ihr Vorgehen getadelt werden soll. Alternative Medien – obwohl sie den Begriff selber eher selten verwenden – reagieren kritischer auf die Wahl, sehen sie ihre Existenzberechtigung, ja -notwendigkeit doch in den eher beklagenswerten Verhältnissen unserer medialen Landschaft.

Seit ihrer Ablösung von der Gesellschaft für deutsche Sprache ist die Jury also eine „Sprachkritische Aktion“, die es sich zum Ziel gemacht hat, auf manipulative Tendenzen aktuellen Sprachgebrauchs aufmerksam zu machen. Vorgänger des Preisträgers sind beispielsweise „alternativlos“ und „Döner-Morde“. Stoßrichtung der Rechtfertigung, „Lügenpresse“ als Unwort zu verfemen, ist – seit Jahr und Tag Argument der letzten Instanz – der Verweis auf eine angeblich nazistische Vergangenheit des Begriffs: Lügenpresse „diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien“.

Die Jury selber besteht aus vier Sprachwissenschaftlern und zwei Journalisten. Dass sechs Menschen einhundert Millionen Sprechern vorschreiben können, welche Wörter sie künftig zu vermeiden haben, ist natürlich – noch? – eine Dystopie Orwell’schen Ausmaßes. Aber, dass die Schlagkraft (nachschlagen: wurde der Begriff von den Nazis verwendet?) der Aktion so enorm ist, liegt zum Einen an den medialen Ereignissen der vergangenen Jahre. Im Zuge der Ukraine-Krise wurde deutlich, wie es um die freie Presse nach dem 11. September 2001 bestellt ist. Dass das Vorgehen des etablierten Journalismus auf weiten Strecken einem Offenbarungseid gleich kommt, ist mit dem Aufkommen alternativer Medien und ihrer Verbreitung via Internet auch dem unbefangenen Presse-Kunden spätestens seit dem Spiegel-Cover „Stoppt Putin jetzt!“ bewusst geworden. Und dass der zwangsfinanzierte Rundfunk und die sogenannten Mainstream-Medien nicht auf dieser Linie weitermachen können, falls sie nicht wollen, dass „Qualitätsjournalismus“ künftig zum Unwort avanciert, dürfte – trotz einiger Abwehrgefechte (Achtung: Nazi-Begriff?) à la Dr. Kai Gniffke – den weitsichtigeren unter ihren Verteidigern nach der Lektüre der zahlreichen dissentierenden Kommentare im Internet bewusst geworden sein. (Den kurzsichtigeren leisten hier noch immer die Begriffe „Kreml-Agent“ oder „Putin-Troll“ gute Dienste.)

Zum anderen aber liegt die Macht, die eine selbsternannte Jury über Wohl und Wehe eines Begriffes haben kann, in der Macht ihrer Multiplikatoren: solange sie Echo findet, wird ihr Tun auch Wirkung zeitigen. Stellen wir uns einmal vor, nicht das sieben Mal (!) eingesandte „Lügenpresse“, sondern das 60-mal (!!) eingesandte „Putin-Versteher“, Kampfbegriff der NATO-Pressestellen, hätte es auf den ersten Platz geschafft – wie hätte das Echo in diesem Fall ausgesehen? NATO-Pressestelle ist übrigens auch ein Kampfbegriff, diesmal von der anderen Seite. (Zur Verteidigung der Jury ist zu sagen, dass der zweite Begriff, zumindest in der abgemilderten Version „Russland-Versteher“, es auf den dritten Platz geschafft hat und auch die angegebene Begründung überzeugt: Ein Begriff, der die Tugend des Verständnisses diffamiert, hat seine Auszeichnung zum Unwort wahrlich verdient.)

Daran lässt sich die gatekeeping-Funktion des Journalismus, die der US-amerikanische Publizist Walter Lippmann analysiert hat, gut veranschaulichen. Es ist wie mit dem Fallen eines Baumes im Wald: Wenn eine internationale „Jury der Wahrheitssuchenden“ um den Journalisten Oliver Janich dasselbe Wort zum „Wort des Jahres“ kürt, aber keine mediale Resonanz erhält – gibt es sie dann überhaupt? Wer über Wörter und Unwörter bestimmt, bestimmen immer noch die Leitmedien – und wer bestimmt über die?

Was ist überhaupt ein Unwort? Und ist es nicht selber eines? Will uns das Aufstellen von Warnschildern ein Sprechverbot erteilen, das schließlich mit einem Gedankenvebot einhergeht – Neusprech-Verhältnisse, in denen über die Unzulänglichkeiten des aktuellen Journalismus nicht mehr nachgedacht, geschweige denn gesprochen werden darf, weil … Ja, warum? Wegen seiner sprachgeschichtlichen Aufladung des Begriffs, auf den sich einige Kritiker der Verhältnisse eingeschworen haben und in dem sie ihre Auffassungen von der Existenz einer wahrhaft freien Presse in einem Land das Pressefreiheit zusammenfassen (um akademische Standards wie Quellenangaben etc. muss sich eine unabhängige Jury, selbst wenn sie aus Sprachwissenschaftlern besteht, freilich nicht kümmern), und weil er „pauschal diffamiert“. Zweiteres ist in der Tat eine seltsame Begründung. Können Begriffe an sich überhaupt pauschal diffamieren? Schließlich kommt es immer auf den Kontext an, in dem sie stehen. Ein Begriff ist für sich genommen weder pauschal noch differenziert, er diffamiert auch nicht durch seine bloße Verwendung – erst der Zusammenhang macht Pauschalität und Diffamierung möglich und erkennbar.

Seltsam mutet auch die Begründung an, die Verwendung des Worts „Lügenpresse“ gefährde die „Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden ist“. Die Verbindung von Wortwahl zu handfester Gewalttat wird hier derart manipulativ gezogen, dass man an der Ernsthaftigkeit des Arguments zweifelt. Diese Technik der Meinungsmathematik im Dreischritt von Medienkritik – Lügenpresse – Terroranschlag hat kürzlich die Fernsehsendung „Die Anstalt“ dargestellt.

Aber offensichtlich gibt es sie, Wörter, die man guten Gewissens nicht verwenden kann, weil sie Reminiszenzen hervorrufen an schlimmere Zeiten, Relikte einer überholt gehofften Geisteshaltung. „Unwertes Leben“, „gnädiger Tod“, „ethnische Säuberung“ sind Unwörter, weil sich hinter ihnen eine menschenverachtende Haltung mehr schlecht als recht versteckt. Victor Klemperer plädierte bereits 1947 dafür, „viele Worte des nazistischen Sprachgebrauchs für lange Zeit, und einige für immer, ins Massengrab zu legen.“ Ob das Verdikt aber auch das Wort „Lügenpresse“ trifft, wie die Jury behauptet, erörtert Rico Albrecht in seinem Beitrag: „Sprache als Waffe. Lügenpresse gegen Verschwörungstheoretiker“.

„Lügenpresse“, hier mit dem Epitheton „braun“ versehen, wurde demnach also auch von Regime-Gegnern wie dem sozialdemokratischen Wochenblatt „Neuer Vorwärts“ an prominenter Stelle verwendet. Auch Anno Klönne zeigt in seinem Aufsatz, dass „Lügenpresse“ von Widerstandsgruppen des NS-Regimes verwendet wurde, sogar gegen Goebbels selber. Was nun? Soll man jeden Begriff ächten, den Nazis in propagandistischer Absicht verwendet haben, selbst wenn er auch von ihren Gegnern ins Feld geführt wurde? Oder soll man sich von Hitler nicht auch noch vorschreiben lassen, wie man zu reden habe und wie nicht?

Dass die Mehrheit der Menschen, die nicht zu den Oberen gehören, den Eindruck gewinnen, dass die Mehrheit der Medien die Unwahrheit sagen, ist nicht erstaunlich. Sie haben ein von den Nazis geprägtes Wort zur Verkündung ihres Unmuts gebraucht. Das wird ihnen jetzt zum Stolperstein.
Albrecht Müller

Dabei ist „Lügenpresse“ wahrscheinlich nicht einmal ein besonders günstiger Begriff; er ist keiner, der die mediale Situation besonders treffend beschreibt, weil das eigentliche Problem der Meinungsmacht, die Medien haben, nicht die Lügen sind, die sie verbreiten. Oft beabsichtigen die Journalisten selber ihre Statements und Kommentare nicht als bewusste Lügen – ich würde ihnen im besten Fall guten Willen, im schlechteren Unwissenheit und ideologische Verblendung, und nur im schlimmsten und selteneren Fall durchtriebene Bosheit und Gaunermoral unterstellen. Mediale Lügen im engeren Sinne sind auch nicht die Fallstricke, vor der eine offene Gesellschaft auf der Hut zu sein hat – Falschmeldungen können als solche entlarvt, Opfer unwahrer Behauptungen können eine Gegendarstellung erwirken (wie kürzlich im Fall des Journalisten Werner Rügemer).

Wahrhaftes Gift, das langsam durch die Adern rinnt und das öffentliche Bewusstsein fast unmerklich vernebelt, sind die subtilen Taktiken der Manipulation: permanente Auslassungen, eine voreingenommene Auswahl von Fakten und Zitaten, das Missachten des Audiatur-et-altera-pars-Prinzips, Einseitigkeiten in der Darstellung, eine euphemistische Sprachverwendung („Luftschläge“, „defensive Waffen“, „Friedensmission“) und – vor allen anderen – die voreingenommene Sichtweise auf die Ursachen eines Konflikts.

Denn es kommt bei allen Diskursen stets darauf an, wo man zu erzählen beginnt. Alle Kontroversen über Schuld an und Lösungsmöglichkeiten von Konflikten haben ihr Reibungspotential in der differierenden Auffassung der Streitenden darüber, welchen Zeitpunkt man als „Stunde Null“ wählt: Was war zuerst, und was ist Reaktion? Wer z. B. im Ukraine-Konflikt Partei ergreift, muss sich vorher eine Meinung darüber gebildet haben, welches Vorgehen welcher Seite der ausschlaggebende Katalysator war: War es der Protest auf dem Maidan-Platz gegen eine korrupte Regierung, dann sind die Soldaten in den Ostgebieten im Grunde Staatsfeinde und Terroristen: „pro-russische Separatisten“. War es die finanzielle Unterstützung der USA für die Ukraine, dann sind die Soldaten in den Ostgebieten Verteidiger gegen eine vom Westen gesteuerte Putsch-Regierung: „Freiheitskämpfer“. War es die permanente Unterstützung Janukowitschs durch die russische Regierung oder die Ost-Erweiterung der NATO? Und so weiter …
In den Medien wird viel zu selten über Anfänge der jeweiligen Erzählungen reflektiert. Erstaunlich ist, dass dort viele Ereignisse beinahe unverbunden, zusammenhanglos nebeneinander stehen und dass diejenigen, die Verbindungslinien ziehen wollen, die über die reine Aktualität herausgehen, oft mit dem Kampfbegriff „Verschwörungstheoretiker“ (von Rico Albrecht eingereichter Vorschlag zum Unwort des Jahres) belegt werden.

Die etablierten Medien haben sich in den letzten Jahren oft so verhalten wie ein Fußballtrainer, der während eines Spiels ein Foul an seinem Spieler beobachtet: aufgeregt winkend und wie Guardiola den vierten Offiziellen belagernd. Fußballtrainer bemerken gemeinhin allerdings auch die Fouls ihrer eigenen Mannschaft am Gegner – und erkennen sie auch als solche. Dann gilt es, zu schweigen, zu ignorieren und abzuwiegeln; im schlimmsten Fall kann man auch mal aufgeregt winken und dem Gegner eine Schwalbe unterstellen – wider besseren Wissens. Was für Trainer angehen mag, wäre für Schiedsrichter absolute Unprofessionalität. Eine offene Gesellschaft wünscht sich und braucht zum Überleben allerdings keine Medien, die wie Fußballtrainer agieren, für die bereits vor Spielbeginn die richtige Seite feststeht. Sie braucht Schiedsrichter-Medien: unvoreingenommen, neutral und um Objektivität bemüht.

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Kommentar

  1. In einer Welt in der der US Präsident mit dem Friedensnobelpreis geehrt wird, wird auch „Lügenpresse“ selsbstverständlich zum Unwort des Jahres gewählt. Propaganda 2.0 läuft auf vollen Touren. Die Leitmedien vergessen nur eines: sie sind nicht mehr Alleinunterhalter auf dem Parkett. Dank der Aktivitäten im weltweiten Netz und auch dank Gegenpropaganda 2.0 (wie zB RT) sollte der gemeine Medienkonsument ausreichend geimpft sein und sich von den Verunglimpfungen der ehemaligen Meinungsmonopolisten kaum beeindrucken lassen.

  2. Etablierte Presse, Lügenpresse, Qualitätspresse, alternative Presse – alles Schlagwörter, die aufgekommen sind, weil mehr oder minder alle öffentlichen Medien von der Politik und den sie bestimmenden wirtschaftlichen Mächten vereinnahmt worden, bzw. ihnen gewaltunterworfen sind.

    Die fehlende Qualität der Presse ist mehr ein technisches Problem, das alle trifft, die nicht gründlich recherchieren (also fast alle) und alle, die die es verlernt haben,Information und Kommentar voneinander zu trennen! Das trifft dann wirklich alle, auch die Überzahl der Beiträge in diesem und allen anderen kritischen Blogs.

    Die Unsitte, schon in der Meldung verbal Kritik zu verbreiten, wurde vor Jahrzehnten vom Spiegel eingeführt und allgemein übernommen.

  3. Diese Medien kann man als transatlantische Medien bezeichnen und damit vergessen braucht man nicht mehr lesen: Zeit, Springerpresse, FAZ, leider auch die Süddeutsche mittlerweile Freitag, TAZ sind tendenziös. Dort werden die Menschen nicht informiert sondern aufgehetzt oder mit transatlantischen Thinktankpropaganda traktiert wie Genderdebatten oder auch beliebt zu wenig Fachkräfte in Deutschland oder Deutschland geht es gut bzw. alle verdienen zu viel nur Superreiche müssen nix tun und bekommen bis zu 500000 Euro/h für lau !!!! TV, Radio völlig unsinnig macht nur aggressiv wenn man diese Propaganda und Desinformation hört

  4. Mein Unwort des Jahres ist „Gutmenschen“. Wer als „Gutmensch“ bezeichnet wird, gilt als naiv, der Realität fern, unkritisch, also alles andere, als die Bezeichnung „guter Mensch“ eigentlich ausdrücken will. Es wird unterstellt, dass man mit seiner „Güte“ oder „Gutheit“ negative Folgen heraufbeschwören will.