Die nächste Belastung für Verbraucher entsteht in den Unternehmen
Ob Lebensmittel, Transportdienstleistungen oder Industrieprodukte: Viele Preise hängen davon ab, wie teuer Unternehmen ihre Waren herstellen und transportieren können. Genau dort zeichnet sich derzeit eine neue Belastungswelle ab. Deutsche Betriebe müssen für zahlreiche Rohstoffe, Energieträger und Produktionsmaterialien erheblich mehr bezahlen als noch vor zwölf Monaten. Besonders betroffen sind Unternehmen mit hohem Energiebedarf, aber auch Speditionen, Fluggesellschaften und die Landwirtschaft.
Für die Betriebe stellt sich eine schwierige Frage: Können sie die zusätzlichen Kosten an ihre Kunden weitergeben, oder müssen sie geringere Gewinne hinnehmen? Beides kann die Konjunktur belasten. Höhere Verkaufspreise schwächen die Kaufkraft, sinkende Gewinne erschweren Investitionen und gefährden langfristig Arbeitsplätze.
Stromimporte fast 100 Prozent teurer
Die Dimension der Entwicklung zeigt sich besonders deutlich beim Strom. Im September 2026 lag der Preis für importierte elektrische Energie um 96,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Auch bei anderen Energieträgern fallen die Steigerungen massiv aus. Importiertes Erdgas verteuerte sich innerhalb eines Jahres um 53,9 Prozent, Erdöl um 59,3 Prozent. Bei Mineralölprodukten betrug der Anstieg sogar 81,3 Prozent.
Besonders drastisch entwickelten sich die Kosten für Kraftstoffe. Diesel und leichtes Heizöl waren bei der Einfuhr gut doppelt so teuer wie im September 2025. Flugzeugtreibstoff verteuerte sich sogar um 111,3 Prozent. Damit trifft die Entwicklung nicht nur energieintensive Industriebetriebe. Sie erfasst zugleich große Teile des Verkehrs- und Transportsektors.
Die Preise für Energieimporte insgesamt stiegen binnen zwölf Monaten um 61,8 Prozent. Allein gegenüber August verteuerten sie sich um weitere 14,5 Prozent.
Der Krieg im Nahen Osten verändert die Energiemärkte
Eine wesentliche Ursache liegt in den geopolitischen Spannungen. Der Krieg im Nahen Osten hat die internationalen Energiemärkte erheblich unter Druck gesetzt. Steigende Risiken bei der Förderung, beim Transport und bei der Versorgung mit Öl und Gas schlagen sich in höheren Preisen nieder. Für ein Land wie Deutschland, das einen großen Teil seines Energiebedarfs durch Einfuhren deckt, entstehen daraus besondere wirtschaftliche Risiken.
Hinzu kommt eine grundsätzliche Frage der deutschen Energiepolitik. Seit der Abschaltung der letzten Kernkraftwerke im April 2023 wird erneut darüber diskutiert, wie widerstandsfähig die heimische Stromversorgung gegenüber internationalen Preisschwankungen ist. Kritiker sehen in der Stilllegung gesicherter Kraftwerkskapazitäten eine zusätzliche Schwächung des Industriestandorts. Allerdings lässt sich aus dem starken Anstieg der Stromimportpreise allein nicht ableiten, welchen Anteil der Atomausstieg an der aktuellen Preisentwicklung hat.
Fest steht: Eine Wirtschaft, die auf verlässliche und bezahlbare Energie angewiesen ist, gerät bei solchen Preissprüngen erheblich unter Druck.
Auch Metalle und elektronische Bauteile werden teurer
Die Probleme beschränken sich keineswegs auf die Energieversorgung. Industrieunternehmen benötigen Kupfer, Aluminium, Kunststoffe und elektronische Komponenten, um Maschinen, Fahrzeuge und andere Produkte herzustellen. Auch in diesen Bereichen steigen die Beschaffungskosten deutlich.
Im September verteuerten sich importiertes Kupfer und entsprechende Halbzeuge gegenüber dem Vorjahr um 37,9 Prozent. Bei Aluminium lag der Anstieg bei 23,4 Prozent. Elektronische Bauteile kosteten 17,8 Prozent mehr. Edelmetalle und daraus hergestellte Vorprodukte verteuerten sich um 22,1 Prozent.
Insgesamt mussten Unternehmen für importierte Vorleistungsgüter 11,1 Prozent mehr bezahlen als ein Jahr zuvor. Selbst wenn man die Energiepreise vollständig aus der Berechnung herausnimmt, ergibt sich bei den gesamten Einfuhrpreisen noch ein Anstieg von 5,5 Prozent. Das zeigt: Die Verteuerung hat längst weitere Bereiche des internationalen Warenhandels erreicht.
Importpreise steigen so schnell wie seit 2022 nicht mehr
Wie ungewöhnlich die Entwicklung ist, verdeutlichen die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Im September 2026 lagen die deutschen Einfuhrpreise insgesamt 10,4 Prozent über dem Vorjahresniveau. Einen vergleichbar starken Anstieg hatte es zuletzt im November 2022 gegeben, als Deutschland unter den Folgen der damaligen Energiekrise litt.
Besonders auffällig ist die Beschleunigung innerhalb weniger Monate. Im Juli hatte die jährliche Teuerungsrate bei importierten Waren noch 6,8 Prozent betragen. Im August waren es bereits 8,3 Prozent. Im September erreichte sie schließlich 10,4 Prozent.
Allein innerhalb eines Monats erhöhten sich die Einfuhrpreise um 2,1 Prozent. Für Unternehmen erschwert eine solche Entwicklung die Kalkulation erheblich. Langfristige Verträge, Investitionsentscheidungen und Produktionsplanungen werden schwieriger, wenn sich die Beschaffungskosten innerhalb kurzer Zeit stark verändern.
Warum die Inflation trotzdem zunächst zurückgeht
Auf den ersten Blick scheint die Entwicklung widersprüchlich. Während die Preise für importierte Energie und Industriematerialien kräftig steigen, hat sich die allgemeine Inflation zuletzt abgeschwächt. Nach vorläufigen Berechnungen betrug die deutsche Inflationsrate im Oktober 2,8 Prozent. Im September hatte sie noch bei 3,3 Prozent gelegen.
Auch bei den Importpreisen für Konsumgüter ist bislang kein vergleichbarer Kostenschub erkennbar. Diese lagen im September lediglich 0,2 Prozent über dem Vorjahresniveau. Einzelne Agrarrohstoffe wurden sogar deutlich günstiger. Importierter Rohkaffee kostete 15,2 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, Rohkakao verbilligte sich um 21,2 Prozent.
Daraus lässt sich allerdings keine dauerhafte Entwarnung ableiten. Die Einfuhrpreise bilden eine frühere Stufe der wirtschaftlichen Wertschöpfung ab als die Verbraucherpreise. Bis höhere Kosten bei Unternehmen in den Geschäften ankommen, können Monate vergehen. Zudem geben Unternehmen Preissteigerungen nicht immer vollständig weiter. Sie können einen Teil durch geringere Gewinnmargen auffangen oder versuchen, ihre Kosten an anderer Stelle zu senken.
Ob die derzeitige Verteuerung der Importe zu einer neuen Inflationswelle führt, hängt deshalb wesentlich davon ab, wie lange die hohen Energiepreise bestehen bleiben.
Deutschlands Industriestandort steht erneut unter Druck
Für die deutsche Wirtschaft kommt der neue Kostenschub zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Viele Betriebe kämpfen bereits mit hohen Standortkosten, internationalem Wettbewerbsdruck und zurückhaltenden Investitionen. Steigen nun zusätzlich die Preise für Energie und Produktionsmaterialien, verschlechtert sich ihre wirtschaftliche Ausgangslage weiter.
Besonders schwierig wird es für Unternehmen, die auf internationalen Märkten mit Wettbewerbern aus Ländern konkurrieren, in denen Energie deutlich günstiger verfügbar ist. Ein deutscher Hersteller kann höhere Produktionskosten nicht beliebig auf seine Verkaufspreise aufschlagen, ohne Kunden an ausländische Konkurrenten zu verlieren. Die Folgen können geringere Investitionen, Produktionsverlagerungen oder ein weiterer Rückgang industrieller Wertschöpfung sein. Die entscheidende Frage ist, wie lange der Preisdruck anhält
Die aktuellen Importzahlen sind ein Warnsignal für die kommenden Monate. Sie zeigen, dass sich die Kostenbasis vieler deutscher Unternehmen erheblich verschlechtert hat. Noch ist nicht entschieden, wie stark die Entwicklung auf die Verbraucherpreise durchschlagen wird. Ebenso offen bleibt, ob sich die internationalen Energiemärkte wieder beruhigen.
Sollten die Preise für Strom, Öl und Gas jedoch dauerhaft auf einem hohen Niveau verharren, dürfte dies die wirtschaftliche Erholung erschweren. Deutschland steht damit erneut vor einer grundlegenden Herausforderung: Wie lässt sich eine sichere Energieversorgung gewährleisten, die zugleich für Unternehmen und private Haushalte bezahlbar bleibt?
Die jüngsten Zahlen machen deutlich, dass hohe Energiepreise längst nicht nur eine Frage der Stromrechnung sind. Sie beeinflussen die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, die Kosten des Warenverkehrs und letztlich den Wohlstand des gesamten Landes.