Klimaneutralität bis 2045: Deutschland steht vor einer Investitionsaufgabe von sechs Billionen Euro

Der finanzielle Aufwand für Deutschlands geplanten Umbau zu einer klimaneutralen Wirtschaft wird deutlich höher eingeschätzt als noch vor wenigen Jahren. Eine neue Modellrechnung beziffert die erforderlichen Investitionen bis 2045 auf rund sechs Billionen Euro. Besonders Unternehmen und private Haushalte stehen damit vor erheblichen finanziellen Herausforderungen.

Die größte Finanzierungslücke liegt bei den Unternehmen

Die deutsche Wirtschaft müsste ihre Investitionen in klimafreundliche Technologien und Anlagen erheblich steigern, um die politischen Klimaziele zu erreichen. Besonders groß ist der Abstand zwischen dem bisherigen Investitionsvolumen und dem künftig veranschlagten Bedarf in der Industrie und anderen Unternehmen. Während die Wirtschaft im Jahr 2024 etwa 80 Milliarden Euro für entsprechende Vorhaben aufgewendet habe, wären künftig jährlich rund 140 Milliarden Euro erforderlich. Allein in diesem Bereich ergibt sich damit eine zusätzliche Investitionsanforderung von etwa 60 Milliarden Euro pro Jahr.

Für zahlreiche Unternehmen stellt sich allerdings die Frage, wie diese Ausgaben finanziert werden sollen. Hohe Energiekosten, internationaler Wettbewerbsdruck, bürokratische Belastungen und wirtschaftliche Unsicherheit erschweren langfristige Investitionsentscheidungen. Besonders mittelständische Betriebe könnten dadurch vor schwierigen Entscheidungen stehen. Investitionen in neue Maschinen, Produktionsverfahren oder Energieanlagen müssen sich wirtschaftlich rechnen. Gleichzeitig können Unternehmen die Kosten häufig nicht vollständig an ihre Kunden weitergeben.

Grundlage der aktuellen Diskussion ist eine Untersuchung des Forschungsinstituts Prognos im Auftrag der staatlichen Förderbank KfW. Bereits 2021 hatte das Institut den Investitionsbedarf für die Klimaneutralität Deutschlands auf etwa fünf Billionen Euro geschätzt. Die aktualisierte Berechnung kommt nun auf rund sechs Billionen Euro bis zum Jahr 2045.

Damit liegt der veranschlagte Gesamtbetrag um etwa 20 Prozent über der früheren Prognose. Als wesentliche Ursachen gelten die inzwischen gestiegenen Preise sowie Verzögerungen bei bereits notwendigen Investitionen. Wenn beispielsweise Infrastrukturprojekte später umgesetzt werden, können höhere Bau-, Material- und Finanzierungskosten den Gesamtaufwand zusätzlich vergrößern. Allerdings handelt es sich bei den sechs Billionen Euro nicht um eine feststehende Endabrechnung. Die Zahl beruht auf Modellannahmen über wirtschaftliche Entwicklungen, Investitionsentscheidungen und den künftigen technischen Fortschritt. Die tatsächlichen Ausgaben können deshalb von der Schätzung abweichen.

Um das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen, wären der Berechnung zufolge jährlich Investitionen von ungefähr 290 Milliarden Euro notwendig. Das bisherige jährliche Investitionsvolumen liegt dagegen bei rund 110 Milliarden Euro. Daraus ergibt sich eine rechnerische Differenz von etwa 180 Milliarden Euro pro Jahr.

Den überwiegenden Teil der vorgesehenen Investitionen sollen private Akteure finanzieren. Auf Unternehmen und Haushalte entfallen zusammen ungefähr 257 Milliarden Euro jährlich. Der staatliche Anteil wird auf rund 33 Milliarden Euro beziffert. Diese Verteilung macht deutlich, dass die Umsetzung der Klimapolitik nicht allein von öffentlichen Haushaltsentscheidungen abhängt. Sie setzt in großem Umfang voraus, dass Unternehmen und Bürger bereit und finanziell in der Lage sind, bestehende Anlagen, Gebäude und Fahrzeuge durch neue Technologien zu ersetzen.

Besonders hohe Investitionen sind im Verkehrssektor vorgesehen. Auf ihn entfallen nach der Modellrechnung etwa 45 Prozent des Gesamtvolumens. Dazu gehören unter anderem die Umstellung des Fahrzeugbestands und der Ausbau der dafür erforderlichen Infrastruktur. Weitere große Ausgaben entstehen bei der Energieversorgung. Stromnetze, erneuerbare Erzeugungsanlagen und Fernwärmesysteme müssen ausgebaut beziehungsweise modernisiert werden. Auch der Gebäudesektor beansprucht einen erheblichen Anteil. Hier stehen insbesondere Heiztechnik, energetische Sanierungen und weitere Maßnahmen zur Verringerung des Energieverbrauchs im Mittelpunkt. Die Industrie muss darüber hinaus Produktionsverfahren umstellen und teilweise neue Anlagen errichten, um ihre Emissionen zu reduzieren.

Damit betrifft die Transformation nahezu sämtliche Bereiche der Volkswirtschaft.

Warum sechs Billionen Euro nicht sechs Billionen Euro Mehrkosten bedeuten

Bei der Bewertung der Zahlen ist eine Unterscheidung wesentlich: Ein erheblicher Teil der vorgesehenen Investitionen wäre auch ohne das Ziel der Klimaneutralität erforderlich. Fahrzeuge, Heizungen, Maschinen und Stromleitungen müssen im Laufe der Zeit ohnehin erneuert werden. Die sechs Billionen Euro umfassen deshalb nicht ausschließlich Ausgaben, die allein durch die Klimapolitik entstehen.

Die KfW beziffert den zusätzlichen Investitionsbedarf gegenüber einer wirtschaftlichen Entwicklung ohne entsprechende Klimaschutzmaßnahmen auf rund 65 Milliarden Euro jährlich. Diese Zahl beschreibt eine andere Größe als die jährliche Differenz von 180 Milliarden Euro zwischen bisherigem und künftig benötigtem Investitionsvolumen. Beide Werte lassen sich daher nicht unmittelbar miteinander gleichsetzen. Für die Finanzierung einzelner Projekte bleibt allerdings entscheidend, wann die Ausgaben anfallen. Selbst wenn sich eine neue Anlage über niedrigere Betriebskosten langfristig amortisiert, muss ihre Anschaffung zunächst bezahlt werden. Gerade bei privaten Haushalten und kleineren Unternehmen können hohe Anfangsinvestitionen deshalb zum Hindernis werden.

Trotz der erheblichen Beträge bewertet die Förderbank die anstehenden Aufgaben grundsätzlich als finanzierbar. KfW-Vorstandschef Stefan Wintels sieht in der Transformation anspruchsvolle, aber bewältigbare Herausforderungen. Neben den Investitionskosten verweist die Bank auf mögliche langfristige Vorteile. Eine geringere Abhängigkeit von importierten Energieträgern könnte die deutsche Wirtschaft widerstandsfähiger gegenüber internationalen Preisschwankungen machen.

Darüber hinaus könnten sich für Unternehmen neue Absatzmöglichkeiten auf den Weltmärkten ergeben. Deutschland gehört bereits zu den bedeutenden Exporteuren von Klimaschutztechnologien. Ob diese Chancen die erhofften wirtschaftlichen Erträge bringen, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab. Dazu zählen die Entwicklung der Energiepreise, der technologische Fortschritt und die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Hersteller gegenüber ausländischen Konkurrenten.

Die Bundesregierung hält am Ziel fest, Deutschland bis 2045 klimaneutral zu machen.

Gleichzeitig stehen Bund, Länder und Kommunen vor zahlreichen weiteren Finanzierungsaufgaben. Straßen, Brücken und Schulen müssen modernisiert werden. Hinzu kommen Ausgaben für Verteidigung, Digitalisierung und soziale Sicherungssysteme.