Warum drehende Zinserwartungen dem Goldpreis Auftrieb geben

nach einem starken Anstieg im Januar ging der Goldpreis zum Ende des Winters in eine Korrektur über. Sie verlief zunächst ähnlich dynamisch wie der vorangegangene Anstieg und verängstigte viele Goldanleger vor allem dadurch, dass sich der Goldpreis im Anschluss an die Korrektur nicht mehr nennenswert erholte.

Eine zähe Lethargie erfasste den Goldmarkt. Der kriegerische Konflikt mit dem Iran konnte von US-Präsident Donald Trump nicht beendet werden, die Weltwirtschaft zeigte deutliche Anzeichen einer heraufziehenden Schwäche und das allgemeine Krisenniveau blieb hoch, doch der Goldpreis verharrte davon unbeeindruckt in einer Phase der Schwäche.

Sie endete in den ersten Augusttagen, als der Goldpreis innerhalb von nur fünf Handelstagen um sieben Prozent zulegen konnte. Dieser starke Anstieg kam nicht nur für viele Anleger vollkommen überraschend, er führt auch zwangsläufig zu der Frage, ob wir nur Zeuge eines kurzen, aber heftigen Strohfeuers wurden oder aber der Startschuss für einen längeren Anstieg gefallen ist.

Sieben Gründe sprechen derzeit dafür, dass der plötzliche Anstieg von Anfang August kein Strohfeuer war, sondern durchaus den Beginn einer tragfähigen und länger anhaltenden Aufwärtsbewegung darstellen könnte. In einer siebenteiligen Serie möchten wir die zentralen Gründe für den kräftigen Anstieg des Goldpreises um mehr als sieben Prozent innerhalb einer einzigen Handelswoche analysieren.

Den Auftakt macht heute ein Faktor, der sich kurzfristig am stärksten auf die Notierung ausgewirkt hat: die veränderten Erwartungen an die künftige Zinspolitik der US-Notenbank.

Ein enttäuschender Wirtschaftsbericht als Auslöser

Am 30. Juli veröffentlichte das Bureau of Economic Analysis die vorläufige Schätzung zum US-Bruttoinlandsprodukt für das zweite Quartal. Das Ergebnis fiel deutlich schwächer aus als erwartet: Die US-Wirtschaft wuchs nur noch mit einer annualisierten Rate von 1,5 Prozent, nach 2,1 Prozent im ersten Quartal. Volkswirte, die von Reuters und FactSet befragt wurden, hatten im Konsens mit rund 2,0 bis 2,1 Prozent Wachstum gerechnet. Die Verfehlung der Erwartungen war damit zwar nicht dramatisch aber dennoch spürbar.

Nur wenige Tage später folgte der nächste Dämpfer: Der Arbeitsmarktbericht für Juli zeigte einen Rückgang der Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft um 23.000 Stellen. Die Arbeitslosenquote kletterte auf 4,1 Prozent, und die Beschäftigungszahlen der Vormonate wurden in Summe um 103.000 Stellen nach unten revidiert. Auch das Lohnwachstum verlangsamte sich auf 3,2 Prozent, den niedrigsten Stand seit Mai 2021. Für einen Arbeitsmarkt, der lange als robust galt, war das ein ungewöhnlich schwaches Signal.

Warum das für Gold von Bedeutung ist

Gold zahlt bekanntlich keine Zinsen. Wer physisches Gold oder entsprechende Wertpapiere hält, verzichtet damit als Anleger auf die Verzinsung, die er erhalten könnte, wenn er anstelle des Goldes Unternehmens- oder Staatsanleihen kaufen würde. Je höher das Zinsniveau ist und je höher die erwarteten Realrenditen sind, desto größer sind die Opportunitätskosten des Goldbesitzes.

Dies ist ein klassischer Belastungsfaktor für den Goldpreis. Kehrt sich diese Erwartungshaltung allerdings um, weil der Markt eine straffere Geldpolitik für weniger wahrscheinlich hält oder sogar wieder Zinssenkungen der Notenbanken einpreist, sinken die Opportunitätskosten, und das Gold wird als Anlage relativ zu den Anleihen wieder attraktiver.

Genau das war in der vergangenen Woche zu beobachten. Die schwachen Konjunktur- und Arbeitsmarktdaten ließen die Markterwartung einer weiteren Zinserhöhung im September merklich zurückgehen. Gleichzeitig gerieten der US-Dollar und die Realrenditen unter Druck, während das Gold von genau dieser Kombination profitierte. Der stärkste Einzeltag der Rallye fiel dabei auf den Freitag nach der Veröffentlichung der Arbeitsmarktzahlen. Dies entspricht einem Verhaltensmuster, das sich in der Vergangenheit bei überraschend schwachen US-Daten wiederholt gezeigt hat.

Kurzfristiges Signal mit begrenzter Aussagekraft

So wie eine einzelne Schwalbe noch keinen Sommer macht, so begründet auch ein einzelner Konjunkturbericht oder Arbeitsmarktdatensatz noch keine langfristige Trendwende in der Geldpolitik. Die US-Notenbank selbst hat auf ihrer Sitzung Ende Juli signalisiert, dass sie die Inflationsrisiken weiterhin ernst nimmt. Darauf werden wir in einem späteren Teil dieser Serie noch gesondert eingehen.

Dennoch zeigt die kräftige Reaktion des Marktes, wie sensibel der Goldpreis kurzfristig auf jede Verschiebung der Zinserwartungen reagiert. Sinkt die wahrgenommene Wahrscheinlichkeit steigender Zinsen, honoriert der Markt das nahezu unmittelbar mit höheren Notierungen für Gold und Silber.

Für die Anleger bedeutet das: Die kommenden US-Konjunkturdaten, insbesondere weitere Arbeitsmarkt- und Inflationsberichte, dürften auch in den nächsten Wochen einen überdurchschnittlich starken Einfluss auf die kurzfristige Goldpreisentwicklung behalten.

Wäre das Gold Anfang August nur aus diesem einen Grund gestiegen, wäre die Lage für die Goldanleger durchaus bedenklich. Für das Gold sprechen derzeit jedoch nicht nur kurzfristige konjunkturelle Gründe, sondern auch strukturelle. Sie wirken nicht so unmittelbar wie die kurzfristigen konjunkturellen Aspekte, sondern entfalten ihre Wirkung langsam aber stetig über die Zeit.

Im nächsten Teil dieser Serie geht es um einen dieser strukturellen Faktoren, die weit über die aktuelle Datenlage hinausweisen: das schwindende Vertrauen in den US-Dollar als globale Reservewährung.