Über viele Jahre stand vor allem ein Ziel im Mittelpunkt der Energiepolitik: der schnelle Umbau der Stromversorgung. Milliarden flossen in Windkraft, Photovoltaik, Stromnetze und Förderprogramme. Gleichzeitig wurden Kernkraftwerke abgeschaltet und der Ausstieg aus der Kohleverstromung beschlossen. Die Erwartung war klar: weniger Emissionen, sinkende Strompreise und ein wettbewerbsfähiger Industriestandort. Nun:
Der Vorstandsvorsitzende des Chemiekonzerns Evonik, Christian Kullmann, hält den geplanten Kohleausstieg in Nordrhein-Westfalen bis 2030 für nicht realisierbar. Aus seiner Sicht fehlen sowohl ausreichend neue Gaskraftwerke als auch ein belastbares Stromnetz. Auch Wasserstoff stehe in den erforderlichen Mengen und zu wettbewerbsfähigen Preisen noch nicht zur Verfügung. Deshalb rechnet er damit, dass Kohlekraftwerke länger am Netz bleiben müssen als bislang vorgesehen.
Die Bundesregierung hat inzwischen selbst reagiert und den Bau neuer Reservekraftwerke auf den Weg gebracht. Bereits 2026 sollen zusätzliche Kapazitäten ausgeschrieben werden, weitere sollen folgen. Allein dieser Schritt zeigt, dass die bestehende Stromversorgung ohne zusätzliche konventionelle Kraftwerke auf absehbare Zeit nicht auskommt. Neue Kraftwerke entstehen jedoch nicht innerhalb weniger Monate, sondern benötigen jahrelange Planung und Bauzeit.
Es wird teuer!
Parallel verschärft sich der Druck auf die energieintensive Industrie. Evonik kündigte den Abbau von mehreren Tausend Arbeitsplätzen an. Als Gründe nennt der Konzern unter anderem schwaches Wachstum, internationalen Wettbewerbsdruck und strukturelle Standortnachteile Europas. Hohe Energiekosten zählen seit Jahren zu den größten Belastungen für viele Industrieunternehmen.
Kullmann beziffert die bisherigen Kosten der Energiewende auf rund eine Billion Euro. Eine detaillierte Berechnung legte er zwar nicht vor. Gleichzeitig existiert bis heute keine umfassende staatliche Gesamtrechnung, die Investitionen in Netze, Subventionen, Kraftwerke und weitere Folgekosten transparent zusammenführt. Damit bleibt offen, welchen finanziellen Gesamtaufwand der Umbau des Energiesystems tatsächlich verursacht hat.
Die eigentliche Debatte reicht deshalb inzwischen über einzelne Kraftwerke oder Strompreise hinaus. Sie betrifft die Reihenfolge politischer Entscheidungen. Werden bestehende Kapazitäten stillgelegt, bevor Ersatz vollständig verfügbar ist, entstehen Versorgungslücken, die anschließend mit Übergangslösungen geschlossen werden müssen. Genau diese Entwicklung zeigt sich derzeit beim Ausbau der Energieversorgung.
Der Umbau des Energiesystems bleibt eines der größten Infrastrukturprojekte der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ob er langfristig erfolgreich sein wird, entscheidet sich jedoch weniger an politischen Zieljahren als daran, ob Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und bezahlbare Energie gleichzeitig gewährleistet werden können. Daran wird sich die Energiepolitik letztlich messen lassen.