Auswanderungswelle aus Deutschland – die Risiken!

Im einem Interview der „Welt“ warnt der Ökonom Stefan Kolev vor einer Entwicklung, die nach seiner Einschätzung für Deutschland weitreichende Folgen haben könnte: die zunehmende Auswanderungsbereitschaft junger Menschen. Dabei geht es ihm nicht nur um deutsche Staatsbürger, sondern um alle jungen, bereits integrierten Arbeitskräfte, die Deutschland verlassen könnten.

Kolev kritisiert zunächst die unzureichende Datenlage. Zwar seien im Jahr 2024 rund 1,2 Millionen Menschen aus Deutschland fortgezogen, darunter etwa 230.000 Personen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, doch über Motive, Dauer und langfristige Auswirkungen der Auswanderung sei bislang zu wenig bekannt.

Besonders alarmierend findet er, dass Deutschland inzwischen nicht nur Arbeitskräfte an klassische Zielländer wie die Schweiz oder Schweden verliere. Selbst Länder wie Bulgarien, Rumänien oder Polen würden für junge Menschen wieder attraktiver. Die frühere Wanderungsbewegung Richtung Deutschland habe sich teilweise umgekehrt.

Es kann zu einer schleichenden und dann plötzlichen Änderung kommen

Kolev sieht die Gefahr eines gesellschaftlichen „Kipp-Punktes“. Sollte sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtern oder ein größerer externer Schock eintreten, könnten deutlich mehr junge Menschen Deutschland verlassen. Gleichzeitig warnt er vor einer „inneren Emigration“. Damit meint er Menschen, die zwar bleiben, sich jedoch resigniert zurückziehen und das Vertrauen in die Zukunft des Landes verlieren.

Als Beispiel verweist der aus Bulgarien stammende Wirtschaftswissenschaftler auf sein Heimatland. Dort sei die Bevölkerung innerhalb seiner Lebenszeit von etwa neun auf sechs Millionen Menschen geschrumpft. Die Folgen einer solchen Entwicklung seien für die gesamte Gesellschaft belastend.

Bemerkenswert ist seine Analyse der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Junge Bulgaren kehrten inzwischen häufig zurück, weil sie dort bessere Zukunftsperspektiven, niedrigere Steuern und stärkere wirtschaftliche Chancen sähen. Langfristige Ziele wie Karriere, Familiengründung oder Hausbau erschienen vielen attraktiver als in Deutschland.

Besonders eindringlich wird das Interview, als Kolev die aktuelle Lage Deutschlands mit dem tiefgreifenden Umbruch Osteuropas nach 1989 vergleicht. Faktoren wie Künstliche Intelligenz, demografischer Wandel, Chinas wirtschaftliche Stärke und geopolitische Veränderungen würden gleichzeitig wirken und Deutschland vor einen historischen Anpassungsprozess stellen.

Seine zentrale Botschaft lautet, dass „Wohlstand für Junge“ die Voraussetzung für „Wohlstand für alle“ sei. Wenn junge Menschen keine Perspektive mehr sähen, gingen nicht nur Arbeitskräfte verloren. Auch Innovationen, Familiengründungen und zukünftige Rentenbeiträge würden ausbleiben. Politik müsse deshalb jede neue Regelung daraufhin überprüfen, ob sie junge Menschen eher zum Bleiben oder zum Weggehen motiviere.

Der Ökonom fordert daher einen Mentalitätswechsel hin zu mehr Veränderungsbereitschaft und langfristigem Denken. Nur so könne Deutschland nach seiner Auffassung verhindern, dass die Abwanderung junger Menschen zu einem ernsthaften Wohlstandsproblem wird.