Der Iran führt einen ganz anderen Krieg als Israel und die USA

Israel und die Vereinigten Staaten führen seit Ende Februar Krieg gegen den Iran. Vordergründig ist es ein und derselbe Krieg. Doch der Militärexperte und Professor für Strategische Studien an der University of St Andrews, Phillips O’Brien, analysiert den aktuellen Konflikt im Iran als zwei grundlegend verschiedene Kriege, die gleichzeitig stattfinden.

Die USA und Israel führen nach seiner Einschätzung einen klassischen konventionellen Luftkrieg. Sie verfügen über die technologische Überlegenheit, nahezu jeden Punkt im Iran aus der Luft angreifen zu können. Ihre Strategie zielt darauf ab, die iranische Führungsstruktur zu schwächen, die militärische Infrastruktur zu zerstören und den Iran zur Kapitulation oder zu Verhandlungen zu zwingen.

Obwohl die taktischen Erfolge, die beide Länder mit dieser Strategie bislang errungen haben, durchaus bemerkenswert sind betotn Phillips O’Brien, dass diese Vorgehensweise zwar militärisch eindrucksvoll ist, aber an den eigentlichen strategischen Zielen des Irans vorbeizielt.

Der Iran kämpft einen völlig anderen Krieg

Der Iran hingegen führt einen völlig anderen Krieg als die USA und Israel. Er führt einen asymmetrischen Abnutzungskrieg. Die Führung in Teheran weiß, dass ihre Luftwaffe den Israelis und Amerikanern hoffnungslos unterlegen ist und er unternimmt deshalb gar nicht erst den Versuch, seinen Gegnern in klassischer Weise entgegenzutreten.

Der Iran nutzt vielmehr die geografischen Gegebenheiten des Persischen Golfs strategisch für sich aus: Die iranische Küste erstreckt sich über Hunderte von Kilometern entlang dieser engen und für den Welthandel äußerst lebenswichtigen Wasserstraße. Von dort aus setzt der Iran gezielt Drohnen und Raketen ein, um Handelsschiffe, die Energieinfrastruktur und mit den USA verbündete Länder in der Region anzugreifen.

Diese Strategie verfolgt ein klares Ziel: den wirtschaftlichen Druck auf die USA und ihre Verbündeten so weit zu erhöhen, dass ein vollständiger Rückzug erzwungen wird. Phillips O’Brien sieht darin eine Situation, in der keine Seite die andere wirklich daran hindern kann, ihren bevorzugten Krieg zu führen – ein strategisches Patt mit offenem Ausgang.

Die USA sieht Phillips O’Briens kritisch

Besonders aufschlussreich Phillips st PO’Briens Einschätzung der amerikanischen Strategie. Denn er sieht diese äußerst kritisch und zieht einen direkten Vergleich zwischen dem Vorgehen von Präsident Donald Trump im Iran und Vladimir Putins Fehler zu Beginn des Ukraine-Krieges: Beide hätten ihren Gegner grundlegend unterschätzt und geglaubt, mit einem schnellen, entschlossenen Schlag zum Ziel zu kommen.

Donald Trump habe offenbar erwartet, durch gezielte Angriffe auf die iranische Führung eine gefügigere Regierung einsetzen zu können – ähnlich wie ihm das wenige Wochen zuvor in Venezuela gelungen ist. Phillips O’Brien erkennt darin einen strategischen Irrtum: Denn der Iran sei bereit, einen langen Abnutzungskrieg zu führen und wolle keine Zwischenlösung akzeptieren, die den USA und Israel erlauben würde, sich neu zu gruppieren.

Solange der Iran glaubt, seine Angriffe auf den Handel und die regionale Infrastruktur weiter aufrechterhalten zu können, wird die Führung in Teheran nach Phillips O’Briens Einschätzung keinen Verhandlungsfrieden anstreben. Die These ist plausibel und sie beinhaltet keine guten Aussichten für all die, die auf ein schnelles Ende des Krieges hoffen.