Die Einschätzung kommt von höchster Stelle der internationalen Energiepolitik: Fatih Birol, Leiter der Internationale Energieagentur, spricht im Zusammenhang mit der aktuellen Lage von einem möglichen „schwarzen April“ im Jahr 2026. Auslöser ist eine Entwicklung, die weit über regionale Spannungen hinausreicht: die Blockade der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Transitrouten für Öl und Gas weltweit.
Die Bedeutung dieser Passage ergibt sich aus ihrer zentralen Rolle im globalen Energiesystem. Ein erheblicher Anteil der internationalen Lieferströme passiert diese Meerenge. Fällt dieser Korridor aus, entstehen unmittelbare Auswirkungen auf Produktion, Transport und Preisbildung. Laut Birol hat sich die Lage bereits im März deutlich verschärft, während für den April eine weitere Eskalation erwartet wird.
Die Fördermengen in den Golfstaaten sind demnach bereits deutlich zurückgegangen und liegen nur noch bei etwas mehr als der Hälfte früherer Niveaus. Gleichzeitig sind die Gasexporte aus der Region nahezu vollständig zum Stillstand gekommen. Sollte dieser Zustand über einen längeren Zeitraum anhalten, droht eine massive Angebotslücke auf den Weltmärkten.
Es gibt eine Angebotslücke!
Die Tragweite dieser Entwicklung wird durch einen historischen Vergleich unterstrichen. Birol ordnet die aktuelle Situation als schwerwiegender ein als die Energiekrisen der Jahre 1973, 1979 und 2022 zusammen. Damit wird deutlich, dass es sich nicht um eine kurzfristige Marktstörung handelt, sondern um ein Ereignis mit potenziell strukturellen Folgen.
Die Auswirkungen beschränken sich dabei nicht auf den Energiesektor. Engpässe betreffen laut IEA auch zentrale Vorprodukte wie Düngemittel, petrochemische Erzeugnisse und Helium. Diese Stoffe sind wesentliche Bestandteile industrieller Prozesse sowie der landwirtschaftlichen Produktion. Die Kombination aus steigenden Energiepreisen und eingeschränkter Verfügbarkeit solcher Güter kann zu einem breiten wirtschaftlichen Druck führen.
Als kurzfristige Reaktion steht die Nutzung strategischer Ölreserven zur Verfügung. Diese Maßnahme kann jedoch lediglich eine zeitlich begrenzte Entlastung bieten. Entscheidend bleibt die Wiederherstellung der Transportwege durch die Straße von Hormus.
Für Deutschland ergeben sich daraus besondere Herausforderungen. Die bereits hohen Energiepreise treffen auf strukturelle Schwächen in der Versorgung. Laut den Einschätzungen von Birol könnten diese Faktoren Industrie und Wirtschaft über einen längeren Zeitraum belasten.
Zusätzlich verstärken frühere Entscheidungen im Bereich der Energiepolitik die aktuelle Situation. Eine begrenzte Diversifizierung der Bezugsquellen sowie verzögerte Investitionen in Infrastruktur wie LNG-Terminals und Speicherkapazitäten wirken nun als zusätzliche Belastungsfaktoren. In der aktuellen Lage treten diese strukturellen Defizite besonders deutlich hervor und erhöhen die Anfälligkeit gegenüber externen Schocks.