in Wirtschaft

Einer der größten internationalen Durchbrüche des Präsidenten Medwedew war 2011 der erfolgreiche Handel mit russischem Territorium, bei dem er alles andere als knausrig gewesen ist: er schnitt ein paar hunderttausend Quadratkilometer Seegebiet der Barentssee ab und hat es faktisch ohne Gegenleistung (das heißt: kostenlos) dem kleinen, aber ambitionierten Norwegen abgetreten.

Sicherlich haben damals “helle Köpfe” in Russland die Sorge der russischen Patrioten von oben herab belächelt und dann und wann Andeutungen über geheimes Wissen und Verstehen fallen lassen. Nun sollte sich aber herausstellen, dass der damalige russische Präsident nicht etwa nur ein blöder Prasser war, sondern sich von unbegreiflich hohen Strategien im Dienste des russischen Staates leiten ließ – aufgrund derer der Hoffnung und Stütze des russischen Budgets, Gazprom, Zugriff auf die schier endlosen Ressourcen des Shtokman-Erdgasvorkommens gewährt werden sollte. Zum Zwecke des Beginns der Ausbeute war es nötig, den alten Territorialdisput zwischen Russland und Norwegen beizulegen, indem man das russische Territorium ein wenig dezimierte. Solange der Streit nicht geschlichtet war, gab es keine Möglichkeit, Investoren zu gewinnen und in dem Gebiet einer koordinierten Ausbeute nachzugehen.

Also beschnitt Medwedew das russische Seegebiet – und schwupp! – wurde die Sache möglich. Das war wohl jedenfalls der Deal.

Leider war das Opfer vergeblich. Die Ausbeutung des Shtokman-Erdgasvorkommens wird buchstäblich auf Eis gelegt. Die Investoren ziehen sich trotz Verlusten daraus zurück. Die Erklärung ist simpel – die Situation auf dem Erdgasmarkt sieht so aus, dass das Gas aus dem Shtokman-Vorkommen kaum vor 2020 oder gar 2025 Abnehmer finden würde. Momentan sei das Vorantreiben des Projekts nicht sinnvoll, hieß es von Wsewolod Tscherepanow, einem Vorstandsmitglied bei Gazprom.

“Alle Seiten haben sich darin geeinigt, dass die Aufwendungen zu hoch seien, um sich der Sache zum gegenwärtigen Zeitpunkt anzunehmen. Wir besitzen bereits bedeutende Erdgasvorkommen … und dürfen jetzt keine übereilten Schritte unternehmen.” (Zitat nach Reuters)

Anders gesagt, Russland hat einfach so ein paar hunderttausend Quadratkilometer Seegebiet verschenkt. Vielleicht nicht „Russland“. Sowohl die russische, wie auch die norwegische Öffentlichkeit wurden damals einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Eher ein kleiner Personenkreis also, denn viel zu geheim gehalten wurden die vorangegangenen Verhandlungen.

Gazprom wird generell in letzter Zeit zu einem Newsmaker, der vom Skandalpotential durchaus mit manchem Popstar mithalten kann. Eine nach der anderen kommen Meldungen, die immer phantastischer klingen. Vor dem Hintergrund eines von der EU-Komission durchgeführten Kartellverfahrens, durch welches allein sich Gazprom Strafen in Höhe von rund einer Milliarde Dollar einhandeln kann, vor dem Hintergrund der Schließung des vorher übermäßig gepushten Shtokman-Projekts, kam unlängst noch dazu die Meldung darüber, dass Gazprom kein Erdgas mehr von unabhängigen Produzenten aufkauft. Und das klingt nun schon bedenklich.

Der europäische Markt – für Gazprom zweifelsohne immer noch der wichtigste – wird immer besser abgeschottet. Aber das scheint nur für Gazprom zu gelten. Katar hat zum Beispiel seine Erdgaslieferungen nach Europa allein 2011 um 15 Milliarden Kubikmeter erhöht, und diese Dynamik gestaltet 2012 durchaus nicht viel anders.

Dabei muss man sich vor Augen halten, dass es der Gazprom-Konzern gewesen ist, von dem der North Stream nach Europa gelegt wurde, und heute träumt man ja noch dazu vom South Stream – ein Projekt, das nicht etwa auf einer Erhöhung des nach Europa gelieferten Erdgasvolumens basiert, sondern lediglich dessen Logistik ändern soll, zum Beispiel dadurch, dass das Pipeline-Netz der Ukraine als unsicherer Faktor aus diesem System ausgeschlossen wird. Mit anderen Worten, es soll die gleiche Gasmenge dafür herhalten, die neuen Pipeline-Großprojekte zu refinanzieren. Bedenkt man, dass Gazprom allein 2009 im fast jährlich wiederkehrenden “Gasstreit” mit der Ukraine um die 2 Milliarden US-Dollar eingebüßt hat, kann man sich vorstellen, dass diese Großprojekte vor dem zurückgehenden Export nach Europa das Budget des Konzerns katastrophal belasten. Gewinnen können hier nur die Subunternehmer, welche mit dem Bau der Pipelines beauftragt sind.

Dabei hat man sich Gazprom und Russland noch nicht einmal ernsthaft vorgenommen. Die USA beispielsweise bremst bewußt den Bau von LNG-Terminals aus und zieht es vor, ihr Gebiet mit billigem Schiefergas zu überschwemmen, das hemmungslos subventioniert und weit unter Selbstkostenpreis abgegeben wird. Was wird passieren, wenn die USA grünes Licht für LNG-Lieferungen nach Europa geben, und das zum Spot-Preis (der jetzt schon wesentlich weniger beträgt, als das russische Erdgas kostet)? Was passiert, wenn Katar seine teilweise noch in südkoreanischen Werften liegende Qmax-Tankerflotte komplett zur Verfügung hat und sein South-Pars-Erdgasvorkommen in vollem Umfang ausbeuten kann? Was soll werden, wenn die beschleunigte Erschließung der Lagerstätten im Mittelmeerraum zwischen Israel, Zypern und Ägypten schneller, als man denken mag, zu einem Beginn der Ausbeutung dort übergeht? Es gibt ja außerdem auch noch das libysche Erdgas, an das sich Gaddafi gerade erst herangetastet hatte, während die derzeitigen libyschen Machthaber dieses Ansinnen erst einmal auf die lange Bank geschoben haben.

Da braucht es kein großes Rätselraten – Gazprom wird aus Europa verdrängt. Massiv, und relativ schnell und entschlossen. Die einzige Richtung, in der Russland dann noch wird liefern können, ist der Osten, also China und Japan. Sicher, auch diese Märkte sind groß. Doch die Chinesen sind für niemanden, auch nicht für die Russen, besonders bequeme Partner. Wenn Gazprom irgendwann den Weg nach Europa abgeschnitten bekommt, werden die Chinesen sich das zu nutze machen wissen, indem sie – wie derzeit beim Erdöl aus dem sanktionierten Iran – den Preis frech drücken.

Es sieht so aus, als führen Miller und Schröder den Karren unaufhaltsam Richtung Bankrott und verteilen jeglichen noch vorhandenen Gewinn verzweifelt an die Unternehmen, welche die Pipelines legen, die aber im Endeffekt an geschlossenen Ventilen enden. Der Gewinn von Gazprom fiel allein im ersten Quartal 2012 um fast ein Viertel. Ein solcher Einbruch im Winter, in der europäischen Heizsaison – unvorstellbar, aber es ist so. Mal sehen, wie der Bericht für’s zweite Quartal aussieht. Und für’s dritte. Keiner erinnert sich mehr an die ambitionierten Vorhaben, den Gasexport nach Europa in diesem Jahr um 50% zu erhöhen. Wie soll das funktionieren, wenn man gleichzeitig kein Erdgas mehr von unabhängigen Produzenten aufkauft und die eigenen Großprojekte – Shtokman – einstampft?

Vielleicht steuern Miller & Co. aber unbewußt auf den Bankrott zu; das zeugte vom Niveau der strategischen Planung bei Gazprom. Vielleicht wäre das noch schlimmer, als würden sie den Konzern bewußt so fahren. Auf jeden Fall scheint es bei einer solchen Konzernstrategie für Europa nicht notwendig zu sein, nach allzu gewieften Winkelzügen für das Abwürgen des russischen Einflusses – “Energiemix”, Kartellfragen – zu suchen. Das macht Gazprom selbst. Von alleine. Und mit Behendigkeit.

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Kommentar

    • Hallo, Sven.

      LNG: Liquid Natural Gas, [zu Transportzwecken] verflüssigtes Erdgas
      Schiefergas (klick), ein gewisser Hype um eine alternative Quelle für Erdgas
      Qmax: Q steht für Katar (Qatar), insgesamt ist es die Klassifikation für die größten Flüssiggas-Tanker der Welt. Mehr Info: hier.
      South Pars (oder North Dome) ist eine gigantische Erdgaslagerstätte zwischen Katar und Iran.