Die Europäische Union erlebt derzeit eine ihrer unangenehmsten außenpolitischen Bewährungsproben seit Jahren. Die offenen Machtansprüche von Donald Trump auf Grönland haben in Brüssel eine Mischung aus Nervosität, Ratlosigkeit und hektischem Aktionismus ausgelöst. Was als rhetorische Provokation begann, ist inzwischen zu einer ernsten strategischen Herausforderung geworden – und offenbart schonungslos die strukturellen Schwächen der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik.
Krisengipfel als Symbol der Unsicherheit
EU-Ratspräsident António Costa hat kurzfristig ein außerordentliches Treffen der Staats- und Regierungschefs einberufen. Auffällig ist weniger der Inhalt als die Form: Anders als bei vielen früheren Krisen soll dieses Treffen physisch stattfinden, nicht per Videokonferenz. Allein dieser Umstand zeigt, wie groß der Druck ist. Brüssel möchte Handlungsfähigkeit demonstrieren – selbst wenn noch unklar ist, worin diese konkret bestehen soll.
Auslöser der Aufregung sind Trumps unmissverständliche Aussagen, wonach die Vereinigten Staaten Grönland aus strategischen Gründen übernehmen wollen. Staaten, die sich diesem Vorhaben entgegenstellen, müssten mit wirtschaftlichen Konsequenzen rechnen. Zölle dienen dabei erneut als geopolitisches Druckmittel. Für Europa ist das ein bekanntes, aber deshalb nicht weniger wirksames Szenario.
Ein Konflikt mit juristischen Grauzonen
Auf den ersten Blick wirkt die europäische Aufregung paradox. Grönland ist kein Teil der Europäischen Union. Die Insel hat die damalige Europäische Gemeinschaft bereits in den 1980er-Jahren verlassen. Der entscheidende Punkt liegt jedoch im staatsrechtlichen Konstrukt: Grönland gehört zum Königreich Dänemark – und Dänemark ist EU-Mitglied. Damit rückt theoretisch auch die europäische Beistandsklausel in den Fokus.
Doch genau hier beginnt die politische Realität, die niemand in Brüssel offen auszusprechen wagt. Die Europäische Union verfügt weder über eine gemeinsame militärische Struktur noch über die strategische Geschlossenheit, um einem massiven Druck aus Washington etwas entgegenzusetzen. Die Vorstellung, Europa könne einem militärisch oder wirtschaftlich dominanten Bündnispartner geschlossen entgegentreten, bleibt bislang Theorie.
Trumps Vorgehen folgt einer klaren Logik: bilateraler Druck statt multilateraler Rücksicht. Indem er einzelne Staaten mit Zöllen bedroht, zwingt er Europa in interne Zielkonflikte. Wer ist bereit, wirtschaftliche Nachteile in Kauf zu nehmen, um Prinzipien zu verteidigen? Und wer sucht lieber den eigenen Vorteil? Diese Fragen treffen die EU ins Mark.
Der aktuelle Konflikt zeigt vor allem eines: Europa ist wirtschaftlich stark, politisch ambitioniert – aber strategisch abhängig. Das Krisentreffen mag Entschlossenheit signalisieren, doch ohne echte Machtmittel bleibt es vor allem ein Symbol. Grönland wird damit zum Prüfstein für die Frage, ob die EU mehr ist als ein Zusammenschluss wohlformulierter Erklärungen – oder ob sie weiterhin reagiert, statt zu gestalten.