in Wirtschaft

Stefan Hofbauer (np) Wöchentlich erreichen uns neue Horrorzahlen vom Arbeitsmarkt. Die unvorstellbaren Zahlen kommen dabei meist aus der so genannten „Südschiene“ oder den PIIGS. Die immer weniger vorstellbaren aus den „Kernländern“. Wer hat eigentlich die Menschen in Europa bereits so auseinander divdieren können, dass sie sich in unterschiedliche „Klassen“ einteilen lassen?

Die Zahl auf dem  Countdown der Sozialbombe

Die offiziellen und damit bereits schön gerechneten Zahlen aus Spanien und Griechenland sind der blanke Horror. In beiden Ländern liegen die Werte jenseits der 25% (26,10, 26,80). Mehr als jeder vierte ist arbeitslos. Blankes Entsetzten macht sich angesichts der Zahlen bei der Jugendarbeitslosigkeit breit. In den Industrienationen (EU eingeschlossen) sind 10,6% aller Jugendlichen arbeits- und damit perspektivenlos. Damit liegen wir auf Augenhöhe mit Afrika Sub-Sahara (10,9%)! Diese Zahlen übersetzen sich in den Ländern Spanien und Griechenland auf offiziell schön gerechnete 55,6% respektive 57,6%. Deutlich mehr als die Hälfte aller unter 25 jährigen Menschen haben keinen Job und damit keine Perspektive, ein eigenständiges Leben aufzubauen oder gar eine eigene Familie zu gründen. Steuer bezahlen um das Defizit zu verringen ist damit natürlich auch unmöglich.

Ohne eine Statistik zu bemühen zu müssen steht fest, unter diesen 55% können sich nicht ausschließlich Faulpelze, Drückeberger und bildungsferne Schichten befinden. Was ist also der Grund für diese schauderhaften Zahlen?

Produktivität und Automatisierung

Die Industrienationen können in den vergangenen Dekaden (vor allem nach dem zweiten Weltkrieg) ihre Produktivität enorm steigern. Die Steigerung der Produktivität pro geleisteter Arbeitsstunde betrug in Deutschland laut Statistischem Bundesamt zwischen 1991 und 2011  34,8%. Davor, von 1970 bis 1991, verdoppelte sich die Produktivität nahezu. Wie war das möglich? Sind heute alle Arbeiter auf Sterioden? Haben Menschen heute in der Regel mehr als 2 Arme? Eine Idee könnte das folgende Video liefern:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=libw1rV2McY[/youtube]

Was die Produktion betrifft, erledigen mittlerweile geniale Maschinen bzw. Roboter die Arbeit, welche ansonsten von Menschen gemacht werden müsste. Dies ist grundsätzlich eine tolle Sache. Körperlich schwer belastende oder gesundheitsschädliche Tätigkeiten werden von unsensiblen Maschinen übernommen. Durch die Entwicklung von Maschinen und vor allem des Mikroprozessors, also des modernen Computers, werden uns viele Tätigkeiten entscheidend erleichtert oder sogar abgenommen. Sowohl in der Produktion, als auch im Ausgleich zu den verloren gegangenen Stellen in der Produktion geschaffenen Dienstleistungssektor, erleichtern oder übernehmen Computer Tätigkeiten in großem Umfang. Eine Arbeitskraft kann mit Hilfe solcher Unterstützung deutlich mehr in gleicher Zeit leisten. Doch was wird aus diesen Vorteilen? Was bedeutet dies für die Gesellschaft und für den Arbeitsmarkt? Betrachten wir die Zusammenhänge an einem starkt vereinfachten Beispiel.

Das Inselmodell

Auf einer kleinen Insel mitten im Ozean leben sechs Personen ohne jeglichen Kontakt zur Aussenwelt. Um zu überleben benötigt jede Person pro Tag 1/2 Fisch sowie eine Hälfte einer Kokosnuss. Es hat sich etabliert, dass die schlankeren und fitteren drei Personen auf Kokospalmen klettern und Kokosnüsse ernten, während die anderen 3 jeweils einen Fisch pro Tag fangen. Am Ende des Tages wird getauscht und alle sechs Personen werden satt.

Eines schönen Tages ereilt einen der Fischer ein Geistesblitz! Er knüpft sich aus Kokosfasern ein Fischernetz. Das tägliche Fischen fällt damit deutlich leichter. Er ist nun in der Lage pro Tag 3 Fische anstatt nur einem zu fangen. Er kann also den Bedarf der Gruppe durch gesteigerte Produktivität (aus Innovation) alleine decken. Was wird nun aus den anderen beiden Fischern?

Innovation und Verteilungsgerechtigkeit

Zugegeben, das Beispiel ist stark vereinfachend, doch das Grundproblem lässt sich deshalb umso klarer erkennen: Wem soll der Vorteil aus Innovation zu Gute kommen? Es können nicht alle Fischer aus unserem Beispiel weiterfischen wie bisher, da sonst ein Überangebot an Fischen entsteht, die niemand braucht. Intuitiv würden manche Menschen vermutlich vorschlagen, die Fischer sollen alle das Netz benutzen und sich ab sofort mit dem Fischen abwechseln. Ihre Arbeitszeit würde sich schlagartig auf ein Drittel reduzieren. Sie hätten mehr Freizeit oder Zeit sich um andere Aufgaben zu kümmern die der Gemeinschaft zu Gute kommen könnten.

Eine andere Möglichkeit wäre natürlich, die beiden „überflüssig“ gewordenen Fischer aus dem „Markt“ zu kegeln und sie an den Rand der Gruppe zu drängen. Sie werden beim Fischen nicht mehr gebraucht und sind deshalb arbeitslos. Die Gruppe könnte beschließen, den beiden einige Fischabfälle zukommen zu lassen, damit sie nicht verhungern. Richtig satt werden bräuchten sie aber auch nicht, da sie ja erstens nichts arbeiten und zweitens offensichtlich nicht schlau (gebildet) genug sind, sonst wäre ja einem von ihnen die Idee mit dem Fischernetz gekommen! Pech.

Genau diese Entscheidung drängte sich in unserer Gesellschaft mit steigendem Automatisierungsgrad auf. Es werden schlicht und einfach nicht mehr genug Arbeitskräfte nachgefragt. Maschinen verrichten einen Großteil der Arbeit. Der Dienstleistungssektor kann nur eine begrenzte Zahl von Arbeitskräften aufnehmen. Tendenziell höher gebildete, die Maschinen entwerfen, programmieren und aufstellen. Die Gesamtnachfrage ist deutlich kleiner als das Angebot.

Die ewige Ideologiefrage vergisst die Menschlichkeit

Um die Verteilung der Vorteile aus dem, was wir als Fortschritt bezeichnen, tobt seit mittlerweile Jahrhunderten ein erbitterter Kampf der Ideologien. Soll der Innovative und Kreative die daraus entstandenen Vorzüge alleine zugesprochen bekommen? Er war es schließlich, der die geniale Idee hatte.

Soll der Erfinder des Fischernetzes einen der beiden anderen (arbeitslosen) Fischer für sich arbeiten lassen und ihm dafür einen möglichst geringen Teil abgeben, denn falls er mehr wollen würde, könnte er den Job ja dem Dritten, noch immer arbeitslosen, Fischer geben?

Oder soll er zufrieden sein damit, dass das (Über)Leben insgesamt deutlich leichter geworden ist und er selbst nur mehr jeden 3. Tag zum Fischen gehen muss?

Er könnte natürlich auch selbst trotzdem jeden Tag zum Fischen gehen, die Fische vor der „Konkurrenz“ eintauschen und die beiden anderen damit aus dem „Markt“ drängen und als faule Schmarotzer beschimpfen. Die nicht benötigten Nüsse könnte er verzieren und vor seiner Behausung aufstellen, als Zeichen seiner Überlegenheit.

Es scheint nur eines offensichtlich zu sein: Das Netz an sich ist nicht „böse“ und auch nicht der „Schuldige“ an der Misere.

Zahlreiche Varianten sind denkbar, ebenso viele Ideologien und Theorien gibt es zu den realen Vorgängen in unserer Gesellschaft im industriellen und post-industriellen Zeitalter. Eines scheint jedoch klar:

Momentan wurde festgelegt, dass die egozentrischste (kapitalistische) Variante durchgesetzt wird. Hartz4 lässt grüßen und sogar der Hunger kehrt nach Europa zurück.  Eine unüberschaubare Anzahl an Steuern und (Um)Verteilungsprogrammen soll die schlimmsten Auswirkungen dieser Politik abfedern, was selbstverständlich nie vollständig gelingen kann und von denen, welche über die Produktionskapazitäten verfügen, bekämpft wird.

Arbeitszeitreduktion als Ausweg zu mehr Gemeinwohl?

Eine Initiative aus Deutschland fordert nun eine Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden pro Woche – bei vollem Lohn. In einem offenen Brief argumentiert die „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“ in einer gemeinsamen Erklärung von zahlreichen Wirtschaftswissenschaftlern, dass dies ohne Wohlstandsverlust möglich wäre:

Der Verteilungsspielraum ist immer die Produktivitäts- plus Preissteigerungsrate. Dabei ist Arbeitszeitverkürzung die einzige logische sowie historisch konsequente Antwort auf die jährlichen Produktivitätssteigerungen, die oberhalb der realen Wachstumsraten der Wirtschaft liegen und so zu einem Rückgang des Arbeitsvolumens und ohne Arbeitszeitverkürzung zu Arbeitslosigkeit führen.

An der Arbeitsgruppe, welche bereits 1975 ihr erstes „Memorandum für eine wirksame und soziale Wirtschaftspolitik“ vorgelegt hat,  beteiligen sich mehr als 100 Mitglieder. Der offene Brief mit der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung richtet sich an Vorstände der Gewerkschaften, Parteien, Sozial- und Umweltverbände und Kirchenleitungen in Deutschland.

Dass eine Arbeitszeitverkürzung tatsächlich möglich ist, hat unlängst ein, der marxistischen Klassenkämpferei wenig verdächtiges, Unternehmen bewiesen. Der profitabelste Sportwagenhersteller der Welt mit dem Namen Prosche hat die Wochenstunden auf 34 gesenkt, bei vollem Lohnausgleich.

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  • Rahmenhandlung Pflegeroboter

    […] schön geredet. Einer Produktivitätssteigerung nota bene, deren hässlichen Seiten (z.B. Massenausschluss und Massenvergasung) – rücksichtslos aber folgerichtig – ebenfalls ausgeblendet werden […]