Die Internationale Energieagentur sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, ihre Rolle als nüchterner Taktgeber der globalen Energiepolitik selbst beschädigt zu haben. Eine aktuelle Analyse des National Center for Energy Analytics zeichnet das Bild einer Institution, die sich schrittweise von ihrer ursprünglichen Aufgabe entfernt hat: realistische Entwicklungen abzubilden, nicht politische Ziele vorwegzunehmen.
Über Jahrzehnte galt der „World Energy Outlook“ als verlässliche Orientierung für Regierungen, Finanzmärkte und Energieunternehmen. Die Szenarien der Agentur basierten auf geltendem Recht und tatsächlich umgesetzter Politik. Genau dieses Fundament wurde jedoch vor wenigen Jahren aufgegeben. Statt realer Rahmenbedingungen rückten Zielbilder in den Vordergrund, die sich an langfristigen Klimaversprechen orientierten, unabhängig davon, ob diese bereits gesetzlich verankert waren oder nicht.
Der Bruch kam zu einem Zeitpunkt, an dem der politische Druck auf internationale Organisationen spürbar wuchs. Prognosen, die einen raschen Rückgang der Nachfrage nach Öl und Gas in Aussicht stellten, passten gut zu einer globalen Agenda, die auf Klimaneutralität, Nachhaltigkeitskriterien und eine schnelle Transformation der Energiesysteme setzte. Diese Annahmen fanden Eingang in Investitionsentscheidungen – mit weitreichenden Folgen.
Kapital floss verstärkt in erneuerbare Technologien, während Investitionen in klassische Energiequellen zunehmend als riskant oder politisch unerwünscht galten. Die Studie kritisiert, dass dadurch Milliardenbeträge fehlgeleitet wurden. Erst später räumte die Agentur ein, dass zentrale Annahmen zu optimistisch gewesen waren und sich Nachfrageverschiebungen deutlich langsamer vollziehen dürften als ursprünglich dargestellt.
Besonders scharf fällt die Kritik an einzelnen Marktprognosen aus. Die erwartete Verbreitung von Elektrofahrzeugen werde überschätzt, ebenso die Geschwindigkeit, mit der Luftfahrt und Schifffahrt ihren Treibstoffverbrauch senken könnten. Solche Annahmen führten zu einer systematischen Unterschätzung des künftigen Energiebedarfs.
Die Folgen dieser Fehleinschätzungen sind nach Ansicht der Autoren erheblich. Eine zu geringe Investition in Förderung und Erschließung fossiler Energieträger könne Versorgungsengpässe nach sich ziehen. Historische Beispiele zeigen, dass solche Knappheiten oft mit starken Preissprüngen einhergehen – mit gravierenden Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum, Inflation und soziale Stabilität.
Die Kritik läuft auf einen zentralen Punkt hinaus: Energieprognosen entfalten enorme Wirkung. Werden sie politisch überformt, drohen Fehlsteuerungen mit langfristigen Konsequenzen. Die Debatte um die Rolle der Internationalen Energieagentur ist damit auch eine Debatte über die Grenze zwischen Analyse und politischer Zielsetzung.