Evergrande erschrickt die Finanzmärkte

Ein Sack Reis, der in China umfällt, interessiert keinen Menschen, ein großer Immobilienkonzern, der in seinen Schulden zu ersticken und umzufallen droht, schon. So wundert es nicht, dass die Finanzwelt in diesen Tagen mit gebannten Blicken auf Hongkong schaut. Dort liegt der Firmenzentrale des Immobilienriesen Evergrande.

Sie wurde in den letzten Tagen bereits von erbosten Anlegern gestürmt, denn viele Chinesen fürchten um ihr Geld und fordern es zurück. Das ist leichter gesagt als getan bei einem Konzern, der extrem verschachtelt ist und allein in China derzeit in 234 Städten rund 800 Immobilienprojekte verwirklichen will.

Gleichzeitig schiebt Evergrande einen gigantischen Schuldenberg vor sich her, der von Bloomberg auf über 300 Milliarden US-Dollar taxiert wird. Im März und im April 2022 stehen 3,45 Milliarden US-Dollar zur Rückzahlung bzw. zur Umschuldung an. An diese Zahlung denkt man in der Firmenzentrale vermutlich noch nicht. Viel wichtiger ist, dass die in wenigen Wochen anstehende nächste Zinszahlung geleistet werden kann.

Vergleichbar mit LehmanBrothers?

Für das 1996 in Shenzhen gegründete Unternehmen arbeiten 123.000 Mitarbeiter. Nicht nur ihre Jobs sind akut gefährdet. Von den rund 800 laufenden Bauprojekten steht bereits die Hälfte still und nicht nur die Käufer auch die Zulieferer fürchten um ihr Geld. Sollte der Immobilienentwickler in die Pleite gehen, könnte der gesamte Immobilienmarkt in China in eine Schieflage geraten.

Die davon ausgelösten Schockwellen wären schnell überall auf der Welt zu spüren, sodass die derzeit aufkommenden Erinnerungen an die amerikanische Subprime-Krise und den nachfolgenden Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers nicht unbegründet sind.

Allein in der Volksrepublik sind mehr als 4.000 Firmen als Subunternehmer und Zulieferer von der Krise bei Evergrande betroffen. An ihnen hängen 3,8 Millionen Jobs. Wäre allein Evergrande überschuldet, könnte die Regierung in Beijing die Lage etwas entspannter beobachten.

Das Problem ist jedoch, dass der gesamte Immobilienmarkt überhitzt ist und auch andere Immobilienentwickler hohe Schuldenberge vor sich herschieben. Evergrande ist nicht der einzige Problemfall. Das Unternehmen könnte allerdings das erste sein, dass trotz seiner Größe von der Regierung in Beijing fallengelassen wird.