Wir erleben an den Finanzmärkten derzeit eine Phase, in der fundamentale Daten und Fakten an vielen Tagen keine Rolle mehr spielen, denn die Kurse bewegen sich im Spiegel der Emotionen und Erwartungen der Anleger. Diese Beobachtung gilt ebenso für den Aktien- wie auch für die Rohstoffmärkte.
Diese Beobachtung führt unweigerlich zu der Frage, warum die Märkte so extrem und oft auch völlig losgelöst von jeder Logik und Vernunft agieren. Der Hauptverdächtige sitzt in klimatisierten Serverräumen: Es ist der hochfrequente Computerhandel, oftmals auch nur als Algo-Trading bezeichnet.
Über 80 Prozent des täglichen Handelsvolumens werden mittlerweile von Algorithmen abgewickelt. Diese Programme wurden zwar von Menschen geschrieben, sie handeln allerdings nicht wie menschliche Marktteilnehmer, denn die Algos interessieren sich nicht für die Qualität eines Managements oder die politische Stabilität in einem Bergbauland.
Die Algorithmen folgen ihrer ganz eigenen Logik
Die Algorithmen reagieren vielmehr auf Schlagworte und Chartmarken. Im Hintergrund steht eine Künstliche Intelligenz, die selbständig in Millisekunden Nachrichten scannt und „analysiert“. Fällt in diesen Nachrichten beispielsweise das Wort „Engpass“ im Zusammenhang mit Gold, beginnen tausende Rechner gleichzeitig, das Gold zu kaufen.
Werden im DAX oder bei den Rohstoffen bestimmte Chartmarken erreicht und durchbrochen, setzten die Computer umgehend die einprogrammierten Protokolle um und lösen lawinenartige Kauf- oder Verkaufsbefehle aus. Der Kupferpreis steigt oder fällt dann nicht etwa, weil die Nachfrage nach dem roten Metall gestiegen oder gefallen ist, sondern weil bestimmte Kursniveaus über- oder unterschritten wurden.
Das Ergebnis ist ein klassischer Momentum-Effekt bei dem die Computer mit ihren Käufen und Verkäufen jeden Trend noch einmal deutlich verstärken. Wenn etwas steigt, kaufen sie, weil es steigt – was dazu führt, dass es noch mehr steigt. Und die Fundamentaldaten? Die sind für die Algorithmen nur lästiges Rauschen.
Die Rohstoffe sind zum neuen Gold der Tech-Jünger geworden
Besonders skurril ist die Lage bei den Rohstoffen. Metalle werden derzeit nicht mehr wie Industriewaren gehandelt, sondern eher wie Luxusuhren oder Kryptowährungen. Kupfer wird beispielsweise zum „neuen Öl“ stilisiert und das Gold dient derzeit nicht mehr nur als verlässlicher Krisenschutz, sondern wird als spekulatives Spielball-Asset behandelt.
Da die Lagerbestände oft intransparent sind und die Lieferketten durch geopolitische Spannungen wie die aktuellen Blockaden im Nahen Osten unberechenbar bleiben, wird der Rohstoffmarkt oder Teile von ihm zur reinen Wettbörse bei der Anleger auf verschiedene Szenarien setzen.
Die Finanzmärkte sind 2026 zu einer gigantischen Echokammer geworden. Erwartungen befeuern Preise, Computer verstärken die Bewegung und die Realität schaut ratlos von der Seitenlinie zu.
Für jeden Anleger bedeutet das: Man muss die Spielregeln kennen. Fundamentaldaten sagen Ihnen vielleicht, was ein Gut wert ist, aber die Erwartungen und die Algorithmen sagen Ihnen, wo der Preis morgen steht. Und im Moment gilt an der Börse: Wer nach dem „Warum“ fragt, hat schon verloren.
Wer dem Trend folgt, gewinnt – zumindest solange, bis jemand den Stecker zieht oder die Realität doch mal wieder an die Tür klopft und um Einlass bittet.