Wenn plötzlich alles wahr ist, ist nichts mehr wahr

In den sozialen Medien ist unsere Aufmerksamkeit längst zu einer Ware verkommen. Sie wird vermarktet und an den Werbekunden verkauft, der bereit ist, den höchsten Preis für sie zu bezahlen. Deshalb sind die sozialen Netzwerke technisch so gestaltet, dass sie die Zeit, die wir mit ihnen verbringen, zum Wohl der Plattformanbieter und ihrer Werbekunden maximieren.

Wir wären dabei allerdings noch relativ gut bedient, wenn wir uns nur über die vielen Zeiträuber beklagen müssten. Dass wir ihnen so leicht verfallen, ist eine persönliche Schwäche an der wir zumindest aktiv arbeiten können, mit dem Ziel, sie immer weiter zurückzudrängen und am Ende ganz abzustellen. Das ist natürlich viel leichter gesagt als getan, aber es ist zumindest eine Aufgabe, der wir uns selbst stellen können.

Nochmals viel schwieriger ist es jedoch, sich persönlich wie auch als Gesellschaft dem Vertrauensverlust entgegenzustellen, der unwillkürlich durch die massive Nutzung der sozialen Medien eintritt. Dieser Vertrauensverlust ist nicht nur auf die klassischen Medien beschränkt. Er betrifft ebenso die Politik, die Wissenschaft und viele öffentliche und private Institutionen.

Die Gesellschaft als Ganz verliert an dieser Stelle massiv

Die sozialen Medien befördern diesen Vertrauensverlust indem, jede Meinung als gleichberechtigt erscheint. In einer normalen Diskussion treffen innerhalb einer Gruppe verschiedene Meinungen aufeinander. Dabei gilt: Je kontroverser die Diskussion, umso schneller folgen These und Gegenthese aufeinander. Das ist prinzipiell gut, denn die Diskussion hat dann die Chance, die verschiedensten Aspekte eines Themas zu differenziert zu beleuchten.

Wenn allerdings These und Gegenthese aufeinandertreffen, dann reicht es nicht nur aus, Behauptungen aufzustellen und diese lautstark vorzutragen, sondern die Teilnehmer der Diskussion, auch jene, die zunächst geschwiegen haben, werden früher oder später die Beweise für die jeweiligen Behauptungen einfordern.

In den sozialen Medien kommt dieser Aspekt jedoch viel zu kurz. Oft diskutieren nur Gleichgesinnte miteinander und wer diesen „Diskussionen“ folgt, hat schnell das Gefühl, in der Echokammer ein und der selben Grundhaltung zu stehen. Man ist sich dann zwar einig, aber wenn dieser Einigkeit keine echte Expertise zugrunde liegt, läuft die Gruppe Gefahr, sich auf einem Irrweg zu verlieren.

Die Wahrheit verliert ihre Entscheidungskompetenz

Kritisch wird es, wenn zwar echte Expertise unter den Teilnehmern vorhanden ist, diese aber mehr oder weniger untergeht, weil die Nichtexpertise emotionaler und/oder lauter vertreten wird. Jede Meinung erscheint dann plötzlich als gleichwertig, was auf Dauer dazu führt, dass echte Expertise an Gewicht verliert.

Sobald diese geschieht, wird auch die Wahrheit relativiert, denn wahr ist dann bald nicht mehr das, was tatsächlich wahr ist, sondern nur das, was von der Mehrheit oder den lautesten Teilnehmern für wahr gehalten wird. Früher oder später stellt sich dann auf der Ebene des Einzelnen wie auf der der Gesellschaft die klassische Pilatusfrage: Was ist Wahrheit?

Sie war früher schon nicht leicht zu beantworten und im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz ist es nochmals schwerer geworden, eine treffende Antwort zu finden. Noch nie war es so einfach, in kürzester Zeit eine Fülle von Texten, Bildern und Videos zu erzeugen. Der gewöhnliche Benutzer steht damit schnell vor einer Fülle von Inhalten und Informationen. Ihre pure Zahl sagt aber noch lange nichts über ihre Qualität aus.

Entscheiden am Ende nur noch Masse und Lautstärke?

Unfug bleibt Unfug, auch wenn man ihn mit Hilfe der KI endlos wiederholen lässt. Für einen Nichtexperten ist es jedoch schwer, wenn nicht gar unmöglich die Wahrheit von der Unwahrheit zu trennen, wenn die Kriterien nicht bekannt sind, nach denen diese Entscheidung vorgenommen werden muss.

Steht ein wahres Posting am Ende 1.000 unwahren Postings gegenüber, wird die Wahrheit zwar nicht weniger wahr, aber sie hat es deutlich schwerer, sich durchzusetzen und eine Gesellschaft läuft Gefahr, allein dadurch in die Irre geführt zu werden, dass die Mehrheit oder auch nur eine scheinbare Mehrheit etwas anderes zu glauben scheint.