Deutschlands Energiepolitik steht erneut an einem heiklen Punkt, obwohl das Land die Abhängigkeit von russischem Erdgas formell hinter sich gelassen hat. Die jüngste Warnung von Monika Schnitzer, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, macht deutlich, dass die strukturellen Probleme nicht gelöst sind, sondern lediglich einen neuen Rahmen bekommen haben. Schnitzer verweist ausdrücklich auf die Möglichkeit, dass ein künftiger US-Präsident wirtschaftlichen oder politischen Druck über Energieexporte ausüben könnte. Diese Aussage verweist weniger auf eine konkrete Person als auf ein grundsätzliches Risiko, das aus einseitigen Abhängigkeiten entsteht.
Breiter aufstellen!
Die deutsche Energieversorgung stützt sich nach dem Wegfall russischer Lieferungen zunehmend auf Flüssiggasimporte, bei denen die USA eine zentrale Rolle spielen. Genau hier setzt die Kritik an. Der Wechsel des Lieferanten bedeutet keine automatische Sicherheit, wenn politische Interessen jederzeit in wirtschaftliche Hebel umgewandelt werden können. Die Erinnerung an den Winter 2022 zeigt, wie schnell Versorgungslagen eskalieren, wenn politische Realität und energiepolitische Planung auseinanderfallen.
Schnitzer fordert deshalb eine breitere Aufstellung. Sie spricht sich für strategische Gasreserven und eine konsequente Diversifizierung der Lieferländer aus. Genannt werden Katar, afrikanische Förderländer, Norwegen sowie die Nachbarstaaten Niederlande und Belgien. Diese Optionen existieren bereits, wurden jedoch bislang nicht mit der nötigen Konsequenz verfolgt. Die Frage, warum entsprechende Strukturen nicht früher aufgebaut wurden, bleibt unbeantwortet und wirft ein kritisches Licht auf vergangene Entscheidungen.
Die Bundesnetzagentur verweist aktuell auf einen Speicherfüllstand von 47 % und sieht die Lage als beherrschbar an. Solche Aussagen wirken beruhigend, erinnern jedoch an frühere Phasen, in denen ähnliche Einschätzungen eine trügerische Sicherheit vermittelten. Besonders irritierend erscheint vor diesem Hintergrund Schnitzers Hinweis auf mögliche Appelle an die Bevölkerung, sparsamer zu heizen, falls sich ein kalter Winter bis in den Frühling hineinzieht. Die Vorstellung, dass private Haushalte erneut durch Verzicht Versorgungslücken ausgleichen sollen, legt offen, wie fragil die energiepolitische Absicherung weiterhin ist. In einem wirtschaftlich starken Land offenbart diese Debatte weniger ein kurzfristiges Problem als ein dauerhaftes Strukturdefizit.